Hotelbars bilden eine wichtige Schnittstelle zwischen Business, Vergnügen und Abenteuer, doch welche Bar empfiehlt sich für welche Stimmung? Und welches Publikum kann man dort erwarten? Susanne Mitterbauer hat sich in renommierten Wiener Hotels umgesehen.

Ein kurzer Blick in die Geschichte: In den frühen 80er-Jahren waren es das Hilton und dann das Marriott, die den Wienern gezeigt haben, dass ein Hotel nicht nur dafür da ist, Fremde zu beherbergen. Der Trend, nächtens quasi auf internationalem Territorium auszugehen, ohne dafür verreisen zu müssen, fand schnell Anhänger. Ausgewiesene Nachtbars haben ja meist etwas undefinierbar Zweideutiges; bei den Hotelbars wusste bzw. weiß man sich – zu Recht oder zu Unrecht, sei dahingestellt – auf der seriösen Seite.

Dazu kommen die Bartender, eine ganz besondere Spezies von Menschen, zum größten Teil Männer, Frauen sind in diesem Beruf noch rar. Ein perfekter Barmann ist eine Mischung aus professionellem Einschenker, behändem Mixer, diskretem Gesprächspartner, taktvollem Gastgeber und – wenn gewünscht – dezentem Vermittler oder Abwimmler in Sachen zwischenmenschlicher Beziehungen. Das lernt man nicht in Schulen oder Schulungen, sondern in den langen Jahren der Erfahrung – einer der Gründe dafür, weshalb junge Barmänner eher die Ausnahme sind, es sei denn, sie lernen von ihren älteren Kollegen.

Die Kriterien:

Neben den Fakten, die für sich sprechen – Öffnungszeiten, Anzahl der Sitzplätze, Angebot laut Barkarte und Preise – wurde vor allem das Ambiente bewertet: das Interieur, die dadurch erzeugte Stimmung und das Publikum. Last, but not least wurde berücksichtigt, wer hinter dem Tresen aus welcher Fülle an Spirituosen die Drinks zaubert.


Die Ergebnisse:

Die Kaiserliche – Hotel Imperial
Tel: 50110-339; Öffnungszeiten: 12-1 Uhr früh; 40 Sitzplätze (ohne Schanigarten); 122 Positionen auf der Barkarte; Glas Champagner 16 €, Martini Cocktail 11 €
Dunkelrote Seidentapeten, wallende Draperien, dezente Beleuchtung und noch dezentere Musikberieselung – das ist die Maria Theresia Bar. Österreichs große Herrscherin beobachtet ernst das Geschehen, und sie braucht sich dafür nicht zu schämen. Wer ein solch imperiales Ambiente mag, ist hier richtig.

Das Publikum ist ein gelungener Mix aus Stammgästen – über die der Barmann so ziemlich alles weiß, besonders die Trinkgewohnheiten -, lokaler und internationaler Prominenz (manch ein Pop- oder Opernstar hat hier nächtens schon Künstlerisches zum Besten gegeben) sowie Wiener Gästen, die hier eine Bleibe gefunden haben. Für die Jugend ist es hier entweder unerträglich altmodisch oder schon wieder nostalgisch modern.

Vor dem hufeisenförmigen Tresen stehen Barhocker mit Lehne, hinter ihm – und vor rund 130 Spirituosen – der Profi Ernst Kruda. Das tut er seit 20 Jahren, und er hat 1001 Geschichten zu erzählen. Vom reichen Geschäftsmann etwa, der sich irgendwann in der Nacht zum Klavier gesetzt hatte und dem ein Gast dann ein Trinkgeld gegeben hat (er hat es übrigens angenommen, und es war nicht der Herr Wlaschek).
Wertung: 1

Die Mondänste – Hotel Le Meridien
Tel: 58090-7020; Öffnungszeiten: 11-1 Uhr früh; (offiziell) 60 Sitzplätze; 72 Positionen auf der Barkarte; Glas Champagner 9,50 €, Martini Cocktail 7 €
Vom Seiteneingang führt ein breiter Gang zum Restaurant, eine rote Markierung weist den Weg. "Der Catwalk", sagen die Kenner und freuen sich über Sehen und Gesehenwerden. An diesem Gang befindet sich die lange Bar, geschmückt mit holografischen Kunstwerken. Ein paar rote Sessel und Tische stehen im kargen Ambiente. Die beiden Nischen werden tagsüber blau beleuchtet, abends wechselt die Farbgebung in ein dezentes Rot, was dem Teint sehr gut tut. Wiens urbane Szene hat die Bar zu einem ihrer In-Treffs gemacht. Hier werden mehr Cosmopolitans konsumiert als anderswo – Stichwort "Sex and the City" -, und das sagt viel über die Klientel aus.

Hannes Rupert und seine Kollegen pouren, mixen und schütteln aus rund 120 Spirituosen fantasievolle Drinks, und bald wird ein Show-Barman die Szene bereichern. Dann werden die Flaschen fliegen, die Shaker rotieren. An den Wochenenden mischt ein DJ gekonnt allerlei Stilrichtungen, und daraus wird trendige Musik in den Stilrichtungen downbeat und chill out im jazzigen Bereich.
Wertung : 2

Die Berühmteste – Hotel Sacher

Tel: 51456-840; Öffnungszeiten: 10-3 Uhr früh; 36 Sitzplätze; 174 Positionen auf der Barkarte; Glas Champagner 16,50 €, Martini Cocktail 8,80 €
Seit langen Jahren ist die Rote Bar ein Restaurant und die Blaue Bar die richtige. Warum? Weil die Gäste in der Roten Bar so lange sitzen geblieben sind, dass sie zwangsläufig zum Restaurant werden musste. Die Blaue könnte das gar nicht, dazu ist sie zu klein. Ein klassisch ausgestatteter Raum im ältesten Teil des Gebäudes mit hoher Decke, farbigen Stuckelementen, stilvollen Gemälden, dunkler Theke und gemütlichen Fauteuils. Sehr klein, sehr intim, sehr schön, sehr niveauvoll. Und alles das soll sich auch nicht ändern, wenn das Sacher derzeit für 30 Mio. Euro renoviert wird.

Johannes Reim ist seit 21 Jahren im Hotel und steht seit fünf Jahren hinter dem Tresen. Er hat nie Probleme mit seinen Gästen, denn die kommen entweder aus dem Hotel oder sind Wiener Stammpublikum. Mit Leuten von der Straße muss er sich nicht herumschlagen. Eher schon mit der Tatsache, dass alle einen bestimmten Tisch wollen, was nicht immer möglich ist.

In der Sacher-Bar wird übrigens gemessen und nicht gepourt, und die Preisgestaltung hat mit ihren Centbeträgen etwas Billa-Mäßiges an sich. Das könnte man seitens der Geschäftsleitung überdenken.
Wertung: 2

Die Jüngste – Hotel Hilton
Tel: 71700-12132; Öffnungszeiten: 8-3 Uhr früh; 100 Sitzplätze; 110 Positionen auf der Barkarte; Glas Champagner 13 €, Martini Cocktail 10 €
Der Schock sitzt tief, besonders bei den Stammgästen. Die schummrige Klimt-Bar mit den erotisch-floralen Jugendstilmotiven, die in den 80er- und 90er-Jahren unglaublich erfolgreich war, wurde zur nüchternen, modernen, coolen Lobbybar umgestaltet. Vorbei die Zeiten heimlicher Rendezvous auf neutralem, weil quasi internationalem Boden, vorbei die Zeiten des möglichen Kennenlernens eines interessanten Geschäftsmannes aus Irgendwo, vorbei der Flirt mit der großen, weiten Welt. Jetzt steht hier eine adrette Bar, kaum räumlich getrennt von der neuen, auch gewöhnungsbedürftigen Halle. Viel helles Holz, aparte Jalousien, nicht weiter erwähnenswerte Möbel, ein paar Kunstelemente. Zweideutiges ist hier nicht mehr gut vorstellbar. Stattdessen ein Drink after work, ein Ausklingen nach Konzert oder Theater, eine Änderung der Altersstruktur – alles das ist gewollt und wird wohl auch so werden. Schließlich kommen nur rund 50 Prozent der Gäste aus dem Hotel, die anderen sind, oder besser waren, lokale Benützer. Das total renovierte Haus wurde Mitte Mai eröffnet und wartet noch auf seine endgültige Positionierung.

Hinter dem langen Tresen, vor rund 120 Flaschen, steht der Profi Franz Grassl, der unter anderem in der Eden gepourt und geschüttelt hat.
Wertung: 3
(DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.6.2004)

Die Autorin ist Reisejournalistin und als solche beruflicher Stammgast in vielen Hotelbars.

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.