Die letzte Publikation des im vergangenen Jahr verstorbenen Schriftstellers und Psychologen Helmut Eisendle setzt sich mit künstlicher Intelligenz und der Sprache der Dichtung auseinander


Einem Potpourri von Antworten auf die Frage, was Intelligenz sei, respektive natürliche im Unterschied zur künstlichen, widmen sich Helmut Eisendle und Matthias Goldmann in Form eines Chats auf Papier. Mit einem dichterischen Netzwerk haben sie eine offene Textstruktur geschaffen, welche die Denkprozesse ganz im Sinne der Thematik repräsentiert. Denn das Schreiben von Poesie mag als Forschungsgegenstand der Leitfrage "Ist mein Gehirn künstlich?" par excellence dienen.

Seit Jahrzehnten bemühen sich KI-Forscher um die Simulation des menschlichen Geistes. Probleme bereitet dabei, die Symbolhaftigkeit der Sprache als natürliche zu beweisen. Noam Chomsky war der wohl prominenteste Linguist, der die biologische Disposition zu einer Universalgrammatik für alle Kulturen proklamierte. Damit wäre die Fähigkeit zu symbolisieren bestenfalls in die Gene zu bannen. Heute wird die Existenz einer Universalgrammatik allerdings von einem Teil der Scientific Community bezweifelt.

Nun könnte man meinen, diejenigen, die ein Gegenbeispiel zur Universalgrammatik liefern könnten, wären die Dichter. Zumindest teilweise hat Sprache ihre symbolisierende Eigenschaft in der Dichtung verloren. Und in Österreich hat die Avantgarde das Spiel mit dem Sprachmaterial weit getrieben. Als drei MeisterInnen gelten Franz Josef Czernin, Ferdinand Schmatz und Christine Huber. Von Eisendle und Goldmann ins Boot geholt, auf dem Weg den Begriff der künstlichen Intelligenz zu umschiffen, ist es bei einer interessanten Odyssee geblieben.

Die Crux des symbolischen Denkens wissen die Dichter nicht ganz eindeutig abzuwerfen oder anzunehmen. Es herrscht der Tenor vor: "Dichtung ist künstlich, denn Kunst kommt von 'künstlich'." Zwischen den Zeilen schlägt sich dabei immer wieder die Trauer der Moderne über den Verlust von Natur, Subjekt und Unmittelbarkeit durch.

Goldmann meint, der Begriff "künstlich" bezieht sich auf Symbolverarbeitung und hat Recht, bedenkt man, dass die Seelen der KI-Systeme symbolverarbeitende Programme sind. Danach müsste Lyrik den Weg zum Natürlichen einschlagen. Huber bekennt sich eher zur Dichtung als Konstruktion im Sprachlabor. Unter artifiziellen Umfeldbedingungen stürzt sich das Ich, seine Intentionalität abgestreift habend, in einen Schreibfluss. Und auch wenn er auf die Frage, ob sein Hirn künstlich sei, zurückfragt, wer, wenn nicht das Ich, ihn dann noch lenken könne, widersteht Schmatz der Entscheidung für das konstruierte Moment vor dem natürlichen nicht. Der Kunst bleibt ihr Attribut.

Czernin rehabilitiert dagegen wie auch Eisendle die Nostalgie von Natur und Subjekt als Unbewusstes: "Was ich selbst beabsichtige, ist das Künstliche." Beide bringen den Einfluss von Sinnesreiz und abweichendem Denken ins Spiel. Mit diesen Parametern soll die Abgrenzung der Begriffe "Natur" und "Kunst" gelingen. Wittgensteins Privatsprachenargument, nach dem die Ausbildung einer privaten Sprache ohne gemeinschaftliches Umfeld nicht möglich ist, wird latent relativiert. Eisendle glaubt gar, in der Kunst werde verständliche Sprache durch eine "solipsistische Symbolik" ersetzt. Am Ende referiert er dann aber trotzdem auf Chomsky. Wenn Eisendle auch die Fantasie gegen das Kognitive geltend macht und damit eine Disposition schafft, von der aus der Linguist infrage gestellt werden könnte, findet der Übertritt nicht statt, und will es wohl auch den meisten Dichtern nicht gelingen, eine allgemeine Symbolik vollständig abzustreifen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 5./6.6.2004)