Gießen/Wien - Das volle Ausmaß der am Universitätsklinikum Gießen bekannt gewordenen heimlichen Medikamententests ist noch offen. Oberstaatsanwalt Volker Kramer muss "erst an die Patientenkarteien herankommen."

Ein Herzpatient dürfte nach der Gabe eines gerinnungsstörenden Medikaments an Blutungen gestorben sein. Die Justiz geht dem Verdacht einer Körperverletzung mit Todesfolge nach. Wie viele Patienten seit Anfang der Neunzigerjahre bei möglicherweise illegalen Versuchsreihen im Operationssaal geschädigt worden sein könnten, ist aber noch nicht ermittelt.

Betrugsvorwurf

Mit einer bundesweiten Razzia war die Staatsanwaltschaft gegen zehn Narkoseärzte vorgegangen, die sich an unerlaubten Studien beteiligt haben. 23 Kliniken, Praxen und Wohnungen unter anderem in Gießen, Hannover, Köln und Rosenheim, wurden durchsucht. Die Daten der Versuchsreihen sollen in Promotionen und Habilitationen eingeflossen sein. Die zehn Mediziner waren oder sind bei dem Narkose-Chefarzt des Klinikums beschäftigt. Gegen den Chefarzt wird auch wegen Abrechnungsbetrugs in Millionenhöhe ermittelt.

Chefarzt suspendiert

Der Narkose-Chefarzt ist vorläufig suspendiert worden. Zwei Tage nach einer bundesweiten Razzia bei Medizinern enthob Universitätspräsident Stefan Hormuth den Arzt seines Dienstes: "Mit dieser Maßnahme wollen wir einem weiteren Vertrauensverlust möglicher Patienten entgegenwirken."

Die Suspendierung könne jederzeit aufgehoben werden, wenn sich der Verdacht nicht erhärte, sagte Hormuth. Das Disziplinarverfahren, das parallel eröffnet wurde, beziehe auch den Vorwurf des Abrechnungsbetrugs ein. Gegen den Chefarzt wird auch ermittelt, weil er private Krankenkassen mit überhöhten Rechnungen um Millionensummen betrogen haben soll. Vorwürfe

Die Auswertung der beschlagnahmten Unterlagen werde Monate dauern, kündigte der Oberstaatsanwalt an. Es muss in jedem Einzelfall geprüft werden, ob die Betroffenen in die jeweiligen Behandlungen einwilligten. Welche Medikamente verabreicht worden sein sollen, konnte Kramer nicht sagen: "Das wissen wir noch nicht genau." In einer Anzeige hatte ein früherer Mitarbeiter den Chefarzt beschuldigt, Patienten für eine Operation unnötige Medikamente gespritzt und dann die Konzentration im Blut bestimmt zu haben. Unter anderem soll es sich um ein gerinnungsstörendes Mittel handeln. Bei einer Untersuchungsreihe habe ein Patient einen Krampfanfall erlitten.

Ethikrat eingerichtet In Österreich sind Medikamententests grundsätzlich bewilligungspflichtig. In den Spitälern ist dafür eine eigene Kommission oder ein Ethikrat eingerichtet. Die Patienten müssen informiert werden und ihre Zustimmung zur Teilnahme an einer Versuchsreihe geben. (dpa, red, DER STANDARD Printausgabe 5/6.6.2004)