"Die Gegner sind versöhnt", titelte die französische Zeitung "Libération" zum Auftakt der D-Day-Zeremonien in der Normandie, wo am Sonntag der alliierte Sieg über die Nazis begangen wurde. Doch aufgepasst: Gemeint war nicht etwa die Aussöhnung zwischen Deutschland und den Alliierten vor 60 Jahren. Nein, gemeint waren die USA und das "alte Europa", die seit dem Irakkrieg auseinander driften.

Scherben kitten

Die D-Day-Feiern kamen zur rechten Zeit, um George Bush und Jacques Chirac zusammenzubringen - am Samstag unter vier Augen, am Sonntag mit Wladimir Putin und Gerhard Schröder. Es war offenbar, wie sich beide Seiten bemühten, die Scherben zu kitten. Vielleicht verhilft die Erinnerung an den 6. Juni 1944 beidseits des Atlantiks zur Einsicht, dass man doch aufeinander hören sollte: Der alte Kontinent kommt nicht ohne USA aus, die USA können nicht einfach über das "alte Europa" hinwegsehen.

Aufgesetzte Herzlichkeit

Und doch wirkte die Versöhnung an den Landungsstränden so aufgesetzt wie die Herzlichkeit. Die Annäherung zwischen altem und neuem Kontinent hält sich in Grenzen. Einer Meinungsumfrage aus Paris zufolge halten die Franzosen heute Deutschland für den vertrauenswürdigeren Partner als die USA; den Amerikanern steht man in Paris zu 73 Prozent kritisch oder beunruhigt gegenüber, aber nur zu elf Prozent bewundernd oder wohlgesinnt. Von Rom bis Paris säumten Gegendemonstrationen den Weg des US-Präsidenten. George Bush zeigte in einem Interview mit der Illustrierten Paris-Match - wohl unfreiwillig - seine Einstellung: Auf die Frage, ob er Chirac auch einmal auf seine Ranch einlade, meinte er wegwerfend, wenn der französische Präsident "Kühe anschauen kommen wolle", könne er durchaus einmal nach Texas kommen.

Keine transatlantische Versöhnung

Nein, die transatlantische Versöhnung hat in der Normandie nicht stattgefunden. Ausschlaggebend waren für alle Beteiligten innenpolitische Überlegungen. Jeder dachte an sich: Bush hatte wie zuvor beim Papst in Rom ein paar wahlkampfwirksame Bilder nötig, die ihn im guten Einvernehmen mit den westlichen und russischen Partnern zeigten. Die Briten, Kanadier, Polen, Belgier und die Franzosen bemühten sich, gegenüber der aus Washington angereisten Mediendampfwalze zu zeigen, dass sie auch einen Blutzoll entrichtet hatten. Und Schröder ging es - verständlicherweise - vorab um die deutsche Teilnahme an den einstigen "Siegerfeiern".

Versöhnungswillen mit Hintergedanken

Wenn ein Versöhnungswille zu verspüren war, dann vor allem vonseiten der Franzosen, die die Deutschen zu den "Siegerfeiern" eingeladen hatten. In der aktuellen internationalen Konstellation ist auch das nicht ganz frei von Hintergedanken, wenn Paris erstens Berlin und zweitens Moskau zu Feiern bittet, bei denen Washington und London an sich die Hauptrollen spielen wollen.

Dies zeigt umso mehr, dass die innerwestliche Annäherung nach dem Irakkrieg kaum vom Fleck kommt. Chirac tat zwar so, als wäre er nun mit Bush einig, dass die Irak-Resolution im UNO-Sicherheitsrat nun schnell verabschiedet werden müsse. Bezüglich des Resolutions-Inhalts zeigte er aber am Wochenende gegenüber Bush kein Entgegenkommen. Im Gegenteil: Einmal mehr betonte er, dass jede Lösung im Mittleren Osten eine Lösung im Nahen Osten voraussetze - wo nach europäischer Darstellung die Bush-Administration eine gewichtige Verantwortung trägt.

Jetzt ist ein neues Jahrhundert

Deshalb ist auch eine Annäherung in Sachen Terrorismusbekämpfung wenig wahrscheinlich. Und der Nato flößten die Amerikaner, Deutschen, Franzosen oder Briten in der Normandie auch kein neues Leben ein. Der D-Day hätte ein Neubeginn für das Nato-Bündnis sein können. Er zeigte eher, dass die Kontinentaleuropäer - ob sie die militärischen Mittel dazu haben oder nicht - gegenüber den USA selbstständiger auftreten wollten. Vielen Dank für die geleistete Hilfe vor 60 Jahren, bedeuteten Chirac & Co dem großen Onkel jenseits des Wassers. Aber jetzt ist ein neues Jahrhundert. (DER STANDARD, Printausgabe 7.6.2004)