Der größte Flächenstaat Afrikas. Mehr als 600 Ethnien. Islam, Animistische Religionen, Christentum. Ölvorkommen und -reserven, die jenen des Irak oder sogar Saudi-Arabiens in Nichts nachstehen sollen. Verfügungsgewalt über die Wasser des Nil. - Das ist der Sudan im Stakkatostil. Das Land ist an Heterogenität, weitläufigen Interessenkonflikten und geopolitischen Kollisionen kaum zu überbieten. Nirgendwo in Afrika hat es mehr Berechtigung, von einem strategischen Brennpunkt zu sprechen. Was im Sudan passiert, hat Auswirkungen auf Ägypten, das Horn von Afrika, die Region um den Viktoriasee, auf die Ölmärkte der Welt und auf den Kampf gegen den internationalen islamistischen Terrorismus.

Insofern grenzt es an ein Wunder, dass der seit mehr als 20 Jahren tobende Bürgerkrieg im Süden des Landes kurz vor seinem Ende steht. In Kenia handeln die Emissäre der sudanesischen Zentralregierung die letzten Details eines Friedensabkommens mit den Rebellen der "Sudan People's Liberation Army/Movement" (SPLA/M) aus. Noch in diesem Monat soll der Vertrag in Washington unterzeichnet werden. Der Ort des Abschlusses kommt nicht von ungefähr. Die USA haben über zwei Jahre großen Druck auf das islamische Regime in Khartoum und die SPLA/M ausgeübt. Die Bush-Administration kann neben dem Nahen Osten offensichtlich nicht noch eine brennende Weltregion brauchen.

Mit Rücksicht darauf haben die maßgeblichen Spieler in der Partie beide Augen vor den Geschehnissen in Darfur verschlossen. Arabische Reitermilizen konnten mit Unterstützung der Karthoums eine Million Menschen vertreiben, die UNO spricht von "ethnischen Säuberungen" und einer humanitären Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. Das ist nicht nur zynisch, sondern auch im Hinblick auf die sudanesischen Verhältnisse - siehe oben - wohl auch ziemlich kurzsichtig. (DER STANDARD, Printausgabe 7.6.2004)