Die herkömmlich ausgerichteten traditionellen Fluggesellschaften müssen nach Ansicht von Giovanni Bisignani, Chef des Dachverbandes IATA, Teile ihres Geschäftsmodells überdenken. Die Fluglinien müssten Mittel und Wege finden, ihre Kostenbasis flexibler zu gestalten. Passagierwachstum allein sei kein Erfolgsgarant mehr. Die International Air Transport Association mit Sitz in Genf vertritt rund 270 Fluggesellschaften, die 98 Prozent des weltweiten Luftverkehrs bestreiten. Die Mitglieder der IATA treffen sich heute, Montag, zu ihrer Jahresversammlung in Singapur.

Hohe Verluste prognostiziert

Die IATA rechnet entgegen früheren Prognosen für das Jahr 2004 wieder mit hohen Verlusten. Bisignani zufolge führen die gestiegenen Kerosinpreise zu Mehrkosten in Höhe von acht bis zwölf Milliarden US-Dollar. Damit würden die in der IATA organisierten Fluglinien einen Verlust von bis zu zehn Mrd. Dollar machen. Treibstoff macht in der Regel zwölf bis 15 Prozent der Gesamtkosten bei einer Fluggesellschaft aus. Eine Erhöhung des Kerosinpreises um einen Cent pro Gallone bedeutet für die Branche Mehrkosten in Höhe von 600 Mio. Dollar. "Unsere Ausgaben für Treibstoff werden voraussichtlich von 59 auf rund 70 Mrd. steigen", prognostiziert Bisignani. Er zieht aus der Kette von Krisen, die die Branche getroffen hat, die Schlussfolgerung, dass die jahrzehntelang gewohnten Geschäftszyklen der Vergangenheit angehören. "Wir müssen uns an externe Schocks wie die Terroranschläge von 11. September, Sars oder hohe Ölpreise gewöhnen", so Bisignani.

"Zusätzliche Qualität schaffen"

Der gegenwärtige Zustand der Industrie sei aber nicht nur der wirtschaftlichen Lage und den hohen Ölpreisen, sondern auch "einer neuen Art des Wettbewerbs" zuzuschreiben. Bisignani gibt zu, dass sich die traditionellen Fluglinien vom weltweiten Auftreten der Billigfluglinien haben überraschen lassen. "Es war unerwartet, dass das Geschäftsmodell nun auch in Asien auftaucht. Wir haben gedacht, dass das schwieriger sein würde." Die IATA-Mitglieder müssten sich angesichts der neuen Konkurrenten darüber wieder mehr Gedanken machen, wie sie für die höheren Ticketpreise zusätzliche Qualität schaffen könnten. Derzeit macht sich aber eher der gegensätzliche Trend bemerkbar: Viele Fluglinien haben den Bordservice stark eingeschränkt und die Zahl der Flugbegleiter reduziert. Dennoch: "Wir waren bei den Kostensenkungen erfolgreich."

Doch nicht nur die Industrie müsse ihre Hausaufgaben machen. "Wir sind nicht mehr länger bereit, für die Ineffizienz unserer Zulieferer zu bezahlen." Dies gelte insbesondere für Flughäfen und die Flugsicherung. Hart ins Gericht geht der IATA-Chef mit der Europäischen Kommission und der US-Regierung, die derzeit über ein Luftverkehrsabkommen zwischen den beiden Wirtschaftsräumen verhandeln. "Ich bin sehr besorgt, weil wir eine große Gelegenheit verpassen. Die Regierungen versuchen lediglich, den Status quo zu verteidigen", so Bisignani. (Jens Flottau aus Genf, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 07.06.2004)