Landesverräter. Österreich-Vernaderer. Kritiker einsperren. Kritikern das aktive und passive Wahlrecht entziehen. Gefälschte Zitate. Untersuchungsausschuss. Champagner! Angesichts von so viel Schmutz hat Josef Broukal daran erinnert, dass heuer am 8. Mai, dem Jahrestag der deutschen Kapitulation, wiederum - wie in den Jahren zuvor - Neonazis gemeinsam mit FPÖ-Mitgliedern im deutschen Geiste auf den Wiener Heldenplatz marschiert sind.

Daraus hat Broukal gefolgert: "Es ist Ihnen unbenommen, den Nationalsozialisten nachzutrauern." Eine "einmalige Entgleisung"? Die Empörung ist natürlich bei denen am größten, die politischen Aufstieg und Karriere dem NS-Verharmloser verdanken, dem, der die Beschäftigungspolitik der Nazis lobt, die Waffen-SS preist und Konzentrationslager für Straflager hält. Ihm haben sie immer wieder lautstark unverbrüchliche Treue gelobt, und in seinem Geiste machen sie Politik.

Die einen wissen noch immer nicht recht, ob die Niederlage der Nazis 1945 für Österreich eine Befreiung war, wollen jeden einsperren, der die Regierung im Ausland kritisiert, oder ihm zumindest das Wahlrecht entziehen; andere reden von drohender "Umvolkung", halten jedenfalls den Inhalt des Begriffs für sinnvoll, und so fort. Das demokratische Europa hat sich daher wiederholt fassungslos gefragt, ob eine NS-Verharmlosungstruppe an unserer Regierung teilhat.

In Österreich selbst allerdings ist sogar schon die Frage verboten. Josef Broukal hat sie trotzdem gestellt. Er hat sie nicht beantwortet, aber er hat seine Meinung dazu angedeutet. Darf er das nicht? Und was ist mit den anderen? Mit denjenigen, die mit dem NS-Verharmloser den Pakt geschlossen haben. Die sind von Broukal nicht gemeint, denn in ihren Klubräumen im Parlament hängt bekanntlich das Bild des Diktators, der von den Nazis ermordet worden ist.

Tiefer Brunnen

Dass sie mit ihrem Regierungspartner, mit dessen Politik und dessen widerlichen Sprüchen offenbar keine Probleme haben, ist erschreckend genug, aber Trauer um den Untergang der Nazis ist daraus nicht abzuleiten. Und der Hetzpatriotismus, der den laufenden Wahlkampf dominiert und Anlass für Broukals Äußerung geworden ist - stammt der aus dem Geiste der Nazis? Ja, auch. Aber die Verbindung von Vaterland und Hetze ist wesentlich älter. Das ist unerschöpflicher Brunnen, aus dem sich viele bedient haben.

Einen grausigen Höhepunkt erlebte der Hetzpatriotismus im Ersten Weltkrieg, nicht nur in Deutschland und Österreich, sondern auf beiden Seiten der Front. So gesehen war gerade dieser Krieg die "Mutter aller Schlachten". Das Projekt der EU sollte damit endgültig Schluss gemacht haben. Wenn aber bei uns heute schon ein kleiner Wahlkampf - ausgerechnet für das Europäische Parlament! - genügt, um neuerlich aus dem vergifteten Brunnen zu schöpfen, dann gnade uns Gott, wenn Österreich je wieder an einer militärischen Auseinandersetzung teilhaben sollte.

Dann stünde uns Ärgstes bevor. Es ist offensichtlich, dass Josef Broukal diesen Tonfall der vaterländischen Hetze nicht erträgt und dass er leicht ausrastet, wenn er Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, NS-Verharmlosung merkt. Das hat ihm schon etliche Prozesse eingetragen und war für ihn mit hohem beruflichem Risiko verbunden.

Das ist daher keine Schwäche des Josef Broukal, das ist eine Stärke. Wir müssen froh und dankbar sein, dass es auch solche Politiker in Österreich gibt. Josef Broukal ist dringend gebeten zu bleiben. (DER STANDARD, Printausgabe 7.6.2004)