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Gedenken an den "guten Krieg": Ein amerikanisches Ehepaar am Friedhof von Colleville-sur-Mer.

Foto: AP/Susan Walsh
Seit den 80er-Jahren sind die D-Day-Feiern der Amerikaner äußerst patriotisch ausgerichtet: Eine Erinnerungskultur, welche die dunkleren Seiten der eigenen Kriegsführung verdeckt.

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Die wichtigste Entwicklungen in der Weltpolitik sei, dass "die Deutschen veramerikanisiert und die Amerikaner verpreußt werden", hat ein österreichischer Nationalratsabgeordneter 1955 angemerkt.

Nach zwei gescheiterten Eroberungskriegen wurde Deutschland 1945 entlang der ideologischen Frontlinien des Kalten Krieges geteilt. In Westdeutschland haben Briten und Amerikaner dabei ein außergewöhnliches Erbe hinterlassen. Ein gut vorbereitetes und strenges Besatzungsregime hat das Land zuerst denazifiziert und schließlich demokratisiert.

Gleichzeitig wurde die Wirtschaft durch ein an den New Deal angelehntes Programm entkartellisiert und mithilfe des Marshallplans wieder aufgebaut. Mit einer Welle von Popkultur und Konsumgütern wurde die Bundesrepublik "amerikanisiert" und "Coca-Cola-risiert". Statt der "Monroe-Doktrin" kam die "Marilyn-Monroe-Doktrin", so der Historiker Reinhold Wagnleitner. Sie wurde zu Amerikas verlässlichstem US-Verbündenten.

Deutsche Pazifisten

Das vielleicht wichtigste Erbe der Nachkriegsbesatzung ist der ausgeprägte deutsche Pazifismus in allen politischen Lagern - nicht nur bei den Grünen. Junge Deutsche lehnen den Krieg grundsätzlich ab und würden am liebsten gar nicht dienen. Seit dem Vietnamkrieg steht die Jugend zunehmend kritisch der US-Außenpolitik gegenüber. Die einst so tief verwurzelte militärische Tradition der Preußen wurde von den angloamerikanischen Besatzern und ihrem "Wirtschaftswunder" ausgelöscht.

Gleichzeitig wurde den Deutschen eine Erinnerungskultur aufgezwungen, in der die schrecklichen Verbrechen der NS-Zeit und der "böse Krieg" im Vordergrund stehen. Während Briten und Amerikaner den Jahrestag der Invasion in der Normandie auf die übliche martialische Art mit Paraden und Politikerreden über das Heldentum der Soldaten feiern, gedenken die Deutschen des "guten" Ereignisses dieser Zeit - des missglückten Anschlags auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944. Deutschen Veteranenverbänden ist es nicht gelungen, die eindrucksvolle Ausstellung über die Kriegsverbrechen der Wehrmacht zu stoppen. Mehr als alles andere hat die Erinnerung an die NS-Verbrechen Deutschland zum Pazifismus bekehrt.

Militarisierte Gesellschaft

Die USA sind hingegen auch in Friedenszeiten zu einer militarisierten Gesellschaft geworden. Ihre Kultur ist von einem martialischen Stolz und einem überzogenen Patriotismus durchsetzt, der an Friedrich den Großen erinnert. Nach 1945 haben die USA die größte Militärmaschinerie aller Zeiten gebaut. Bis zu 30 Prozent des Staatsbudget flossen zeitweise ins Militär. Die USA führten Kriege in Korea und Vietnam und intervenierten Dutzende Male in aller Welt, wenn sie ihre Interessen gefährdet sahen.

"Der gute Krieg"

Die breite Unterstützung der US-Bürger für diese Politik hat viel mit dem hart errungenen Sieg im Zweiten Weltkrieg und der Erinnerungskultur an diesen "guten Krieg" zu tun. Anfangs sprachen Kulturschaffende auch die dunklen Seiten des Krieges und der eigenen Kriegsführung an - etwa Joseph Heller in seinem Roman Catch 22.

Aber seit den Achtzigerjahren sind D-Day-Feiern ausschließlich patriotisch ausgerichtet. In Büchern und Filmen wird die "größte Generation" gefeiert, die das Land aus der Weltwirtschaftskrise und zum Sieg im Weltkrieg geführt hat. Dazu gehören Steven Spielbergs Filmepos Saving Private Ryan, die Bücher des verstorbenen Historikers Stephen Ambrose, und das D-Day-Museum in New Orleans. "Die These des ,guten Krieges' wurde zu einer verführerischen und berauschenden Sicht eines idealisierten goldenen Zeitalters", schrieb der Historiker Chad Barry.

Einseitiges Bild

Ein Wendepunkt auf dem Weg zu diesem Erinnerungsregime war 1995 die Kontroverse um die "Enola Gay"-Ausstellung in Washington anlässlich des 50. Jahrestags von Hiroshima. Das ursprüngliche Konzept sah vor, den Abwurf der Atombombe in den Kontext des gnadenlosen Krieges im Pazifik mit allen dunklen Seiten zu stellen, doch auf Druck der Veteranenverbände entstand eine viel kleinere Ausstellung, die das Paradigma des "guten Krieges" feierte.

Während in Deutschland die Veteranen mit ihrem Versuch scheiterten, ihre selektive Erinnerung an die Ostfront im öffentlichen Bewusstsein zu verankern, haben US-Veteranen ihr einseitiges Bild von heldenhaften Soldaten der Nation aufgezwungen. Nichts erinnert mehr daran, dass im pazifischen Inselkrieg auch US-amerikanische Soldaten sinnlos töteten und Leichenteile japanischer Soldaten als Trophäen nahmen.

"Preußischer Militarismus

Auch diesmal sind die D-Day-Feiern der USA vom Bild des "guten Krieges" und dem "preußischen" Militarismus geprägt. In Deutschland ist der Pazifismus indes stärker denn je. Der anfangs zitierte österreichische Abgeordnete hat kaum wissen können, wie Recht er gehabt hat. (DER STANDARD, Printausgabe 7.6.2004)