STANDARD: Banken haben ja dieselben Ziele wie Privatanleger: Sie wollen möglichst viel gewinnen und möglichst wenig verlieren. Weltweit arbeiten ganze Heere von Finanzmathematikern an möglichst exakten Berechnungsmethoden für wahrscheinliche Risiken in Finanzprodukten. Es geht um die Verlustbegrenzung, oder?

Binder: Ja auch, aber große Portfolios sind ja sehr komplex und damit auch ihre Anforderungen. Finanzinstitute haben strategische Ziele, auf die sie ihr Risiko und ihren Ertrag abstimmen. Vor allem Kredit- und Zinsmanagement spielen dabei eine große Rolle. Das hat auch Konsequenzen für die Darstellung in der Bilanz. Wenn ich gewisse Risiken aus der Bilanz draußen haben möchte, dann brauche ich dafür Werkzeuge. Das sind strukturierte Produkte, das sind Derivate. Mit deren Hilfe wird das gewünschte Verhältnis von Risiko und Ertrag her gestellt. Das geschieht mit Risikomanagementsystemen. Sie ermöglichen die Beurteilung der verschiedenen Finanzprodukte dafür und eine Vorausschau auf deren Entwicklung.

STANDARD: Zum Beispiel?

Binder: So wird zum Beispiel das Ausfallrisiko einer Unternehmensanleihe berechnet, also die Wahrscheinlichkeit mit der das Unternehmen Pleite gehen könnte. Aber ganz einfach lässt es sich am Beispiel einer lang laufenden Anleihe, sagen wir mit 30 Jahren Laufzeit, erklären: Wenn sich der zugrunde liegende Marktzins um nur 0,1 Prozent ändert, dann verändert sich der Preis dieser Anleihe über die gesamte Laufzeit um drei Prozent. Das entscheidet über Gewinn oder Verlust. Banken haben Dutzende, Hunderte solcher Produkte im Einsatz, deren Ertrag, deren Risiko und deren Reaktionen auf Marktveränderungen einerseits berechnet und andererseits aufeinander abgestimmt werden müssen. Wichtig ist ja auch die Bewertung, ob An- und Verkaufspreise von Produkten fair sind. Diese errechnen sich im Prinzip ja auch aus Risiko und Ertragschancen. Zugrunde liegt das Bedürfnis, entweder Risiko zu kaufen oder es an andere Marktteilnehmer zu verkaufen. Vor allem im Zuge der neuen Eigenmittelvorschriften nach Basel II, die ein viel strikteres Risikomanagement der Banken verlangen, wird das noch wichtiger.

STANDARD: Es geht aber um interne Werkzeuge für die Finanzindustrie - oder was haben solche Systeme mit der Kundenebene zu tun?

Binder: So werden auch faire Preise für Produkte, etwa Anleihen mit verschiedenen Laufzeiten, ermittelt. Fondsgesellschaften etwa brauchen ja auch Risikomanagementsysteme, um ihre Fondsprodukte den Kunden darzustellen und mögliche Verluste errechnen zu können. In Fondsprospekten haben Sie ja immer Angaben zum Risiko. Oder nehmen Sie den angeblich simplen Bausparkredit: Er ist ein strukturiertes Produkt, denn er basiert auf einem Marktzins wie etwa dem Euribor, hat für Darlehensnehmer eine Zinsobergrenze von sechs Prozent und ein vorzeitiges Kündigungsrecht für die Kreditnehmer. Und das über jahrelange Laufzeiten. Bausparkassen müssen berechnen, was sie solche Kredite kosten, denn die Marktzinsen ändern sich ja ständig.

STANDARD: Sie kommen von der Konferenz Global Derivatives & Risk Management in Madrid. Viele Anbieter sind mit Risikomanagementsystemen auf dem Markt. Was ist denn die Besonderheit Ihres Zugangs?

Binder: Wir kommen von der Seite der technischen Mathematik und wenden Methoden der Strömungsmechanik an.

STANDARD: Wie funktioniert das?

Binder: Stellen Sie sich vor, eine Flüssigkeit strömt durch ein Rohr. Sie rinnt aber nicht einfach nur so durch oder quirlt irgendwo. Innerhalb dieser Strömungen gibt es bevorzugte Richtungen. Auch Zinsen haben solche bevorzugten Richtungen: Hohe Zinsen gehen eher nach unten, niedrige steigen dagegen hinauf.

STANDARD: Was unterscheidet Sie von statistisch orientierten Mathematikern, die ja auch erfolgreich Risikomanagement-programme aus ihren Berechnungen erstellen, die von der Finanzindustrie eingesetzt werden?

Binder: Solche Verfahren werden meist als Bäume dargestellt mit Ästen und ihren möglichen Verzweigungen. Herkömmliche trinomiale Verfahren (drei Äste in jeder Verzweigung, Anm. d. Red.) sagen, dass etwas, das ich durch den Abguss schütte, auch durch den Inhalt des Kanals beeinflusst wird. Wir sagen, dass das, was durch den Abguss hinuntergeht, nur dadurch beeinflusst wird, wo es herkommt. Herkömmliche Algorithmen haben Probleme mit den negativen Wahrscheinlichkeiten, die sich aus diesen trinomialen Bäumen ergeben. Mit unseren Verfahren aus der Strömungsmechanik tappen wir nicht in diese Falle.

STANDARD: Wo läuft Ihr System derzeit?

Binder: Etwa die Hälfte der Top-15-Banken in Österreich arbeitet mit dem von uns entwickelten "UnRisk". Wir haben aber auch Kunden in den USA, in Großbritannien und der Schweiz. Die Berechnung von Zins- und Währungsrisiken stehen im Vordergrund, es wird aber auch für Aktien verwendet. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 6. 2004)