Bild nicht mehr verfügbar.

Morrissey, der große Pop-Tragöde, wünscht sich nach sieben Jahren Pause endlich wieder bei ausgesuchten Konzerten den Weltuntergang herbei. Am Wochenende wurde er in Dublin umjubelt.

Foto: REUTERS/Ethan Miller
Nach Jahren im Aus hat Morrissey, der britische Superstar aus den 80er-Jahren ("The Smiths"), nicht nur gerade ein triumphales Comeback mit "You Are The Quarry" vorzuweisen. Der Egozentriker weiß auch live restlos zu begeistern.


Der Mann kommt auf die Bühne, als ob man ein Windkraftrad unter Drogen gesetzt hätte. Man könnte auch sagen: Ausdruckstanz für Dreijährige mit motorischen Problemen. Alles dreht sich, alles bewegt sich!

In 3-D und gegen die eigene Achse läuft hier ein ein Meter achtzig hoher Kreisel aus dem Ruder. Tief im Getriebe drin sitzt der Wurm. Es zerreißt einem zu der herzzerreißenden Melodie des ebenso herzzerreißenden und auch stimmlich mit knödelndem Heldentenor aus einem brustschwachen, aber bauchstarken Glitzer-Paisley-Jacket vorgetragenen Eröffnungssongs First Of The Gang To Die schier das Herz.

Ein Song aus dem Zentrum unserer westlichen Verkommenheit. Über schöne mexikanische Kleinkriminelle in Los Angeles, die so sexy sind, dass es nicht nur Oscar Wilde und unserem heutigen Helden dort oben auf der Bühne - ja, was?! - das Herz vor zitternder Sehnsucht zerreißt. Das ist so herrlich im Sinne eines Quentin Tarantino überzogen und in seiner selbstverständlich ambivalenten Zurschaustellung sämtlicher falscher Entertainerposen schon wieder so wahrhaftig, dass falscher Schein zum eigentlichen Sein führt. Möchten wir nicht alle "beautiful losers" sein? Für das Leben unfähig, aber - wenn niemand genau hinschaut, wie jämmerlich das Ganze eigentlich ist - in Würde sterben.

Der Mann schwingt jetzt die Arme. Der Mann macht den sterbenden Schwan. Er befördert sein Kinn wie auch seine auf Elvis verweisende Haartolle mit neckischen Tachteln in Genicklage. Und er greift sich natürlich voller Ergriffenheit über seine eigene Performance immer wieder ans Herz. Singen wie früher - und Kochen wie bei Mutti. Die fünfköpfige Begleitband läuft zu mollverhangenen und in Dreiklänge zerlegten Akkorden aus den Zehn Geboten klassischer britischer Popmusik, wie sie uns von den Beatles, den Kinks oder eben auch vor 20 Jahren von den "Smiths" um unseren heutigen Helden vom Berge herab gebracht wurden, emotional über.

Versagen als Kunst

Geneigte Besucher des Konzerts im wie ein Hochsicherheitstrakt gesicherten Hof der gegenwärtig immer wieder auch den EU-Rat beherbergenden Dubliner Burg, und heute sind nur geneigte Besucher hier, sie sind mindestens begeistert. Zu Recht. Gänsehaut zieht auf. Pop ist keine Castingshow. Pop ist größer als das Leben.

Heute - wie auch auf allen anderen wenigen, ausgesuchten und seit Wochen ausverkauften europäischen Comeback-Konzerten des 45-jährigen Briten mit irischen Wurzeln - haben nur Menschen für den Eintritt in die Welt des großen Talmi-Tragöden Morrissey bezahlt, die absolut positiv gegenüber einer Kunst eingestellt sind, die einzig und allein das Versagen und die Vergeblichkeit alles irdischen Bemühens zum Inhalt hat. Noch dazu aus einer Sicht, die statt kollektiven Leids einzig das Elend der streng ichbezogenen Künstlerseele in den Vordergrund stellt.

Mit seiner einst in den frühen 80er-Jahren mit der bis heute stilprägenden britischen Band "The Smiths" und später auch solo kultivierten und perfektionierten Kunst einer radikalen und auch vor sich selbst nicht Halt machenden Politik der Gefühle spricht Morrissey aber gegenwärtig offensichtlich über die Brücke des so genannten Zeitgeistes nicht nur wieder eine allgemein aufkommende Stimmung des Einsam- und naturgemäß Unverstandenseins unter vielen an.

Angesichts einer gerade auch im Vorfeld der EU-Wahlen unabsichtlich erzeugten Stimmung des ohnmächtig empfundenen Ichs im immer noch besser, vor allem aber moderner und sozial netzloser werdenden "Wir" der europäischen Gemeinschaft hat der trotz allem immer auch noch menschlich bleibende Zynismus eines Morrissey nach sieben Jahren im selbst gewählten Schweigen offensichtlich heute wieder seine absolute Berechtigung.

Der Mitte Mai auf seinem aktuellen Album, Morrissey, You Are The Quarry, unternommene Bruch seines langjährigen Schweigens sorgt jedenfalls für Begeisterung (DER STANDARD berichtete). Und Morrissey ist heute besser und notwendiger denn je.

Neben seinen aktuellen Tiraden, Irish Blood, English Heart oder America Is not The World, die Morrissey in Dublin neben den anderen neuen Songs seines zweiten Frühlings zum Besten gibt, sind es vor allem auch ältere Lieder, mit denen hier getragen, im Grundton melancholisch und in der Aussage gallig Zeitgemäßes verhandelt wird: Shop- lifters Of The World Unite ist zu hören, oder Hairdresser On Fire. In Letzterem wird die schöne Jugendzeit für immer auf den Punkt gebracht: "Unterdrückt und entrechtet, aber gut angezogen!" Aber auch: A Rush And A Push And The Land Is Ours ist zu hören - oder eines der höchstens fünf besten Lieder aller Zeiten:

Mit Everyday Is Like Sunday zwingt Morrissey seine Hörer nach wie vor in die Knie. Zu einer der schönsten und traurigsten Melodien der Musikgeschichte wünscht unser Held sich bei einem sinnlosen Spaziergang auf einem sinnlosen Strand den Weltuntergang herbei: "Come, Armageddon, come!" Die Welt aber steht immer noch. Und wir fallen vor Morrissey auf die Knie. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.6.2004)