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Foto: Reuters/Cristel
Unsere Haustiere mögen zwar eine sehr ähnliche genetische Grundausstattung wie ihre frei lebenden Artgenossen haben, tatsächlich handelt es sich um eine vollkommen neue Gattung von Tieren. Unsere Haustiere sind vor allem soziale Konstrukte." Bernhard Kathan liefert mit seinem jüngsten Buch Grundlagenwissen über die höchst wechselhaften Haltungen, die Menschen gegenüber Tieren in den letzten Jahrhunderten eingenommen haben.

Als Kulturhistoriker versteht er es, soziale und politische Zusammenhänge offen zu legen und spannende Geschichten zu erzählen. Wissenschaftlichkeit und Parteilichkeit sind für Kathan kein Widerspruch, und wenn ihn die Verlogenheit so mancher Debatte ärgert, macht er kein Hehl daraus.

Etwa beim von Tierschützern mit Scheinargumenten bekämpften Schächten von Tieren durch Muslime und Juden: "Es ist anzuerkennen, dass das Tier beim Schächten nicht um die Gebärde des Schmerzes betrogen wird. Der Anblick des zuckenden Körpers entlässt den, der den Schnitt führt, nicht aus der Tatsache, dass er tötet."

Radikal vertritt Kathan die These, dass "die Fleischindustrie den Tod all seiner Bedeutungen beraubt hat". Bemerkenswert ist der Nachweis, wonach das Interesse am schnellen Tod von Tieren, deren Fleisch als Nahrungsmittel bestimmt ist, im Zusammenhang mit der Industrialisierung der Fleischbeschaffung zu sehen ist. Eine von Kathans zentralen Schlussfolgerungen lautet, dass die Tierliebe kein Ausdruck einer Verfeinerung von Sitten und Charakteren darstelle: "Wir mögen zwar tierliebend sein, in anderen Bereichen hat unsere Empfindsamkeit bis zur Stumpfheit abgenommen." (Hannes Schlosser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 6. 2004)