Ich erzähle euch von einem Ort, wo man in der Früh, wenn man das Haus verlässt, von göttlichem Schweinegeruch beglückt wird. Wo man mit dem größten Teil der Einwohner verwandt ist. Wo deine Nachbarn jede freie Minute aus den Fenstern schauen, um dich zu beobachten und dann später mit anderen über dich abzulästern. Ein Ort, wo man fast eine Stunde braucht, um die Schule zu erreichen und wo man bis zu 40 Kilometer fahren muss, um Kleidung zu kaufen. Und wo man keine Chance auf Arbeit hat! In diesem Kaff wohne ich!

Mag sein, dass viele Stadtbewohner davon träumen an so einem Ort zu leben. Aber sie wissen nicht die Wahrheit über unser Landleben. Die Stadtbewohner sollen froh sein in der Stadt zu leben. Sie müssen nicht in ein Internat um eine etwas exotischere Schule besuchen zu können, und sie werden nie so große Probleme haben, Arbeit zu bekommen, wie die Landbewohner. Warum soll ich z.B. Lehramt studieren? Das Einzige, das ein Lehrer in ein paar Jahren bei uns unterrichten wird können, sind die Schweine vom Nachbarn. Kinder gibt’s ja fast keine mehr. Die Region stirbt aus.

Ich werde bestimmt einmal in der Stadt wohnen. Seit ich das erste Mal in Wien war, wollte ich dort leben. Ich mag den Rummel, die Menschenmengen und die vielen Häuser. Mich stört es nicht, dass die Leute dort unfreundlich sind. Bei uns am Land kennt jeder jeden und wird andauernd angeredet. Ich hasse es, wenn ich nicht einmal einkaufen gehen kann, ohne einen Bekannten zu treffen. Andauernd muss man freundlich grüßen und lächeln. Einmal hat sich ein Bekannter meiner Eltern bei ihnen aufgeregt, weil ich ihn nicht gegrüßt habe. Ich kenne diesen Menschen doch nicht! Ich weiß nicht einmal, wie der aussieht! In der Stadt wäre das scheißegal gewesen.

Außerdem leben am Land die allergrößten Tratschtanten. Einmal ging das Gerücht herum, dass eine meiner Freundinnen schwanger ist, weil sie vor dem Mc Donald’s erbrochen hat. Man kann nicht einmal kotzen ohne von einem Bekannten gesehen zu werden. Und mal ganz ehrlich: Man muss wirklich nicht schwanger sein, um bei Mc Donald’s zu kotzen... Man erfährt so viele Gerüchte und die meisten stimmen nicht einmal. So fad ist es den Menschen hier, dass sie G’schichtln über freche und unangepasste Nachbarskinder erfinden müssen.

Immerhin, was sollen sie schon anderes machen? Die Lokale sind während der Woche völlig ausgestorben, und andere Möglichkeiten, um sich die Zeit zu vertreiben, gibt es auch nicht. Ab und zu gibt es Feste, auf denen dann einigermaßen viel los ist, aber im Gegensatz zur Stadt sind die Besucherzahlen immer noch gering. Auch die Discotheken sind leer, und meistens sitzen nur drei bis vier Leute herum. Viele Jugendlichen wollen, wenn sie fortgehen, neue Bekanntschaften schließen. Nur leider kennt man schon jeden. Jeden Tag die gleichen Gesichter, Geschichten und Gerüchte. Das ist zum Kotzen!

Auch ist es zum Verzweifeln, dass ich wieder einmal keinen Ferialjob finde. Wie viele Bewerbungen habe ich schon abgeschickt, und wie viele Absagen habe ich schon bekommen? Entweder nehmen die wenigen Betriebe in unserer Gegend niemand auf, oder sie haben schon jemand. Den Großcousin vom Betriebsratsobmann zum Beispiel. Oder den Neffen vom Chef. Und ich? Ich werde heuer meine Ferien wieder einmal im Schwimmbad verbringen. Dabei würde ich gerne meine Ferien nützen und etwas Geld verdienen oder ein wenig Arbeitserfahrung sammeln. In der Stadt gibt es bezüglich Ferialjob keine Probleme. Viele Jugendliche gehen deshalb auch nach Wien oder nach Kärnten, um als Saisonkraft im Tourismus zu arbeiten.

Und nicht nur Ferialjobs gibt es in unserer Gegend zu wenig, auch richtige Arbeitsplätze sind kaum vorhanden. Viele Jugendliche, aber auch Erwachsene, suchen schon ewig nach Arbeit. Man muss entweder sehr viel Glück oder seine Beziehungen haben, um einen festen Arbeitsplatz zu bekommen. Und wie wird es dann ab dem ersten Mai? Werden die „Ungarer“ uns die Arbeitsplätze wegnehmen, oder haben wir dann auch Chancen in Ungarn einen Arbeitsplatz zu bekommen? Aber Karriere werden wir hier sicher nie machen. Meine Tante hat sich in Wien hochgearbeitet bis zur Chefsekretärin. Bei uns wäre sie heute noch das Mädchen für alles in einer Zwergerlfirma – mit Zwergerlgehalt und null Chance auf beruflichen Aufstieg. Und Karriere will heutzutage fast jeder machen, auch ich. Und deshalb sehe ich auch Wien als einzige Möglichkeit, groß raus zu kommen.

Und ich will auf keinen Fall am Land versauern. Irgendeinen Bauern heiraten, sehr wenig Geld für die erarbeiteten Produkte bekommen, acht Kinder zeugen, damit sie uns später, wenn wir alt sind, versorgen, und dann sterben, ohne das Gefühl etwas erreicht zu haben. Auf keinen Fall!

Ich verstehe die Menschen nicht, die einfach hier bleiben und nichts aus sich machen wollen. Immerhin gibt es hier nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Ok, frische Luft, grüne Wiesen und Traktoren, die dich sonntags um sechs aus dem Schlaf reißen. Zwar fahren auch in der Stadt ziemlich viele Autos, aber ein Traktor brummt um das Zehnfache lauter. Auch riecht es in der Stadt nicht nach Mistwasser. Dieser Gestank ist unerträglich und dringt durch Mauern und setzt sich auf deinen Klamotten fest. In der Stadt riecht es nach Benzin, teuren Parfums der Bürofrauen und nach „Hugo Boss“ von den Karrieremännern.

Und Karrieremänner gibt es am Lande nicht. Und auch keine reichen, berühmten Männer. Man trifft Berühmtheiten eher in der Stadt als am Land. Auch gibt es Konzerthallen in der Stadt. Ich würde viel öfters auf ein Konzert gehen, aber es kommt sehr selten vor, dass eine berühmte Band am Land auftritt. Ich habe Bekannte in Wien, die fast jeden Monat auf ein Konzert gehen. Jedes Mal, wenn sie auf Besuch kommen, schwärmen sie vom Stadtleben, wie viele Bands sie schon gesehen haben und welche Berühmtheiten sie auf der Straße getroffen haben. Auch glauben viele Stadtbewohner, jeder Landbewohner lebt auf einen Bauernhof, trägt Lederhosen oder ein Dirndl und hört Volksmusik. „Es sind halt alles Bauern. Das einzige Amüsante am Landleben ist im Wirthaus zu sitzen, Karten zu spielen und Bier zu trinken.“ Meine Bekannten aus Wien haben sich allerdings auch sehr über unsere Klamotten, unsere Musik und über unser Haus gewundert, weil es keinen Unterschied zu ihren Klamotten, ihrer Musik oder ihrem Haus gab.

Natürlich gibt es auch genügend Vorurteile gegenüber den „Wienern“. Sie reden komisch, sind unfreundlich usw. Na ja, so ganz stimmt es nicht. Die Bekannten aus Wien reden wie wir und sind auch sehr freundlich. Manchmal sagen sie, dass sie gerne am Land wohnen wollen, weil hier viel Platz zum Fußballspielen ist. Nur: So einen großen Rasen muss man auch pflegen und mähen. Wenn man am Land lebt, muss man viel mehr arbeiten z.B: Rasenmähen, Garten pflegen, Pflanzen setzen,... Neulich hat ein Gasthaus in der Nähe eröffnet. Die Besitzer sind aus Wien aufs Land gezogen, weil es hier so schön ruhig ist. Leider gehen die Besitzer Pleite, weil sie fast keine Gäste haben. In unserer Gegend gibt es fast schon mehr Gasthäuser und Buschenschänke als Einwohner. Klar, dass sie Pleite gehen.

Wenn man das Leben auf dem Land wählt, dann wählt man ein Leben voller Arbeit, Gestank und schlechter Bezahlung. Und das ist sicher nicht mein Leben!