New York - Während in diesen Tagen vor allem lobende Nachrufe auf den verstorbenen US-Präsidenten Ronald Reagan gehalten werden, erinnern die Homosexuellen in den USA an seine Versäumnisse in der Gesundheitspolitik in der Anfangszeit der Aids-Epidemie. "Er hat die Aids-Krise nicht nur ignoriert", sagte der Experte Mark Milano, "Das Skrupellose war, dass er und seine Regierung die bewusste Entscheidung trafen, nichts dagegen zu tun."

Obwohl erste Berichte über eine unter Schwulen auftretende seltene Krebsform bereits zu Beginn von Reagans erster Amtszeit 1981 veröffentlicht wurden und das Wort Aids erstmals 1982 in der Öffentlichkeit aufkam, erwähnte Reagan die Immunschwächekrankheit erst 1987 erstmals in der Öffentlichkeit. Zu dieser Zeit hatten sich bereits 60.000 Menschen infiziert; die Hälfte davon war gestorben.

"Gerechte Strafe"

Der oberste Gesundheitsbeamte der Reagan-Regierung, Everett Koop, sagte bei einem Aids-Symposium 2001, er sei durch Regelungen innerhalb der Regierung die ersten fünf Amtsjahre lang von allen Diskussionen um die Immunschwächekrankheit abgeschnitten worden. Die Berater des Präsidenten seien damals der Ansicht gewesen, Aids sei die gerechte Strafe für Homosexuelle und Drogenabhängige.

Mangelnde Forschungsgelder aus Washington zu Beginn der Aids-Epidemie werden von Kritikern als eine der Hauptursachen für die rasante Ausbreitung der Krankheit mitverantwortlich gemacht. Nach Angaben seines Leibarztes im Weißen Haus glaubte Reagan in den entscheidenden Jahren 1984 und 1985, dass Aids "so etwas wie die Masern ist und vorbeigehen wird". Der renommierte Reagan-Biograf Lou Cannon bezeichnete die Reaktion des Präsidenten auf die Epidemie als "zögerlich und ineffektiv".

In einem Leserbrief an die "New York Times" schrieb der Aids-Aktivist Christopher Babick am Montag, Reagans Präsidentschaft könnte eines Tages an seinen Versäumnissen beim Ausbruch von Aids und nicht am Fall der Berliner Mauer gemessen werden. Philip Hitchcock, ein homosexueller Bildhauer aus dem Bundesstaat Kalifornien, schrieb in einem Leserbrief an die "Los Angeles Times": "Ich vergieße keine Tränen angesichts des Todes von Ronald Reagan. Meine Tränen gelten den Hunderttausenden Amerikanern mit HIV, die Mr. Reagan im Stich ließ. Ich weine um die vielen Männer, deren Namen ich einen nach dem anderen aus meinem Adressbuch gestrichen habe." (APA)