Ob es gescheit war, was Josef Broukal Freitag im Nationalrat in die Richtung der Koalitionsabgeordneten formulierte, werden wir am Sonntagabend wissen. Denn letztlich gibt es nur eine Instanz, die darüber entscheidet. Da mögen sich jene, die sich vom Spruch des SPÖ-Abgeordneten durchaus betroffen fühlen dürfen, noch so sehr als Herren über das freie Mandat aufblasen.

Ob es auch angemessen war, was Broukal sagte, darüber werden sich die Wählerinnen und Wähler selber ein Bild machen, ohne dass sie dazu der intellektuellen Ermunterung durch Leute bedürfen, die ein nicht ganz zimmerreines Gewissen nun zu hysterischen Kapriolen treibt.

Dass die dahinsiechende Haider-Partei sich ein paar Tage vor einer Wahl, zu der sie mangels eines innerparteilich glaubwürdigen Spitzenkandidaten gleich mit zwei Patentpatrioten antritt, die Gelegenheit nicht nehmen lassen würde, "haltet den Broukal" zu rufen, überrascht niemanden. Die Dingfestmachung von Verrätern aller Art ist eben ihr Begriff von politischer Verantwortung.

Aber der blindwütige Eifer, mit dem die Volkspartei reklamiert, von Broukals Unbenommenheitserklärung unbedingt ebenfalls betroffen sein zu wollen, deutet auf einen kritischen Mix von schlechtem Gewissen ob ihres Partners, nackter Angst vor dem, was ihr nach den Niederlagen des letzten halben Jahres der 13. Juni bescheren könnte und letztem Aufgebot zur Abwendung dieser Bescherung hin.

Selbst wer Broukals Apercu, gleich nachdem es gefallen war, nicht für angemessen hielt, kann seither feststellen, wie seine Angemessenheit von Tag zu Tag wächst. Da muss man gar nicht der SPÖ folgen, die zunächst mit knieweichem Entsetzen reagierte, um Tage später plötzlich zu erkennen, im Parlament hätte – so Vorsitzender Alfred Gusenbauer – Pogromstimmung geherrscht. Das eine so unüberlegt, wie das andere übertrieben. Ausrutscher passieren in der Hitze eines Wahlkampfes immer wieder, aber dabei könnte man gelassen zwei Aspekte im Auge behalten: deren inhaltliche Intention und den Zustand des Parketts, auf dem sie sich ereignen.

Wenn Nazischlieren das österreichische Parkett noch immer schlüpfrig erhalten, hat das so gut wie ausschließlich mit der FPÖ beziehungsweise mit Jörg Haider zu tun, der es sich wiederholt unbenommen sein ließ, der ordentlichen Beschäftigungspolitik des Dritten Reiches und dessen SS-Geschäftsführern nachzutrauern. Wenn Haider nun Broukals Äußerung, die ja eine Kritik an nationalsozialistischer Nostalgie zum Inhalt hatte, mit seiner Äußerung von 1991 vergleicht und von Broukal verlangt, freiwillig dieselben Konsequenzen zu ziehen, zu denen er damals gezwungen werden musste, ist dies eine Pervertierung des antifaschistischen Grundkonsenses dieser Republik.

Die ÖVP bekennt sich zu diesem Grundkonsens, aber seine Pervertierung macht sie seit vier Jahren mit. Dass Haider Broukals tendenziell nicht misszuverstehende Aussage nun gar in den "Strafbestand der Wiederbetätigung" verdrehen will, beweist nur, dass auch der Verstand auslässt, wo jeder Anstand fehlt. Dass er als Nazijäger lächerliche Figur macht, könnte Haider inzwischen akzeptieren.

Kaum weniger abstrus Andreas Khol als Historiker. In den Oberösterreichischen Nachrichten schilderte er seine Art des Kampfes um Wahrheit: "Wie wir zum Beispiel heute noch ganz massiv darum kämpfen, was im Februar 1934 wirklich passiert ist. Genauso – mit minderer Bedeutung – gilt das für die Frage ,Was ist im Februar 2000 passiert?‘" Es bleibt Khol – genauso mit minderer Bedeutung – unbenommen, dem Heimwehr-Patriotismus unter dem Dollfuß-Konterfei im ÖVP-Klub nachzutrauern, aber sein öffentlicher Versuch, die gewaltsame Beseitigung der Demokratie durch einen solchen Vergleich zu verharmlosen, macht den Nationalratspräsidenten eher rücktrittsreif als den Abgeordneten.

Sollte Broukal am Freitag überzogen haben – schon der Montag hat ihm Recht gegeben. Unbenommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9./10.6.2004)