Wahlauseinandersetzungen ohne Inhalte verkommen zu Machtkämpfen im leeren Raum. Inmitten ungeklärter Interessen, fehlender Ziele kann eine politische Vorstellung nicht mehr über eine andere einen demokratischen Wettstreit gewinnen. Das Niederringen des politischen Gegners wird zum erklärten Ziel.

In der Abwesenheit jeder Sache können auch die offene Lüge, die groteskeste Anschuldigung nicht mehr widerlegt werden. Sie provozieren nur mehr den noch wüsteren Gegenangriff. Die Sprache, von jeder Forderung nach Angemessenheit, Genauigkeit und Sorgfalt befreit, wird zur bloßen Keule.

In das inhaltliche Vakuum eines solchen Machtkampfes strömen kollektive Emotionen wie Faulgase aus dem Untergrund und benebeln die Kämpfer. Wer hat in Österreich jemals ernsthaft denken können, Teile der eigenen Vergangenheit - der Ersten Republik wie der Mitverantwortung an den Verbrechen des Nationalsozialismus - für Jahrzehnte vergraben zu können, ohne den Boden, auf dem wir stehen, zu vergiften?

In ihrer völligen Desorientiertheit in Europa öffnen sich in diesem Wahlkampf die nur lose zugeschütteten Gräben zwischen den traditionellen Parteien in Österreich. Der Beitritt zur Europäischen Union hat ein Stillhalteabkommen zwischen ÖVP, SPÖ und FPÖ zur Vergangenheit beendet, ohne dass diese sich bis heute in den großen europäischen Auseinandersetzungen neu zu definieren vermochten.

Die Unwürdigkeit des Schauspiels sollte uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass es ihnen todernst ist. Die derzeitige Auseinandersetzung zwischen ÖVP und FPÖ auf der einen Seite und der SPÖ auf der anderen wurde längst zur machtpolitischen Instrumentalisierung der Vergangenheit, jenseits aller historischen Wahrheit. Elemente des Hasses sind unüberhörbar, und ein Spiel mit den Brüchen der ersten Republik wird sichtbar. Sie beginnen den inneren Frieden zu gefährden. Es muss zu einem Moment des Innehaltens kommen, auf der Stelle, ehe die gegenwärtige Eskalation der verbalen Gewalt jede Form der politischen Verständigung zerstört. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10.6.2004)