Rom - Die Europawahlen am kommenden Wochenende bringen die Zersplitterung der italienischen Parteienlandschaft ans Licht: Am 12. und 13. Juni kämpfen in Italien nicht weniger als 25 Wahllisten um die 78 Sitze, die dem Land im EU-Parlament zustehen. Politische Experten hatten das Problem nach der 1993 beschlossenen Einführung des abgeschwächten Mehrheitswahlrechts bei Parlamentswahlen schon unter Kontrolle geglaubt hatten. Bei den Europawahlen gilt allerdings reine Verhältniswahlrecht.

Die meisten Parteien nehmen als Einzelgruppierungen am Wahlkampf teil. Einzige Ausnahme ist die Listenverbindung "Uniti nell'Ulivo". Die nach dem Ölbaum benannte Vier-Parteien-Allianz, die EU-Kommissionspräsident Romano Prodi im Februar aus der Taufe gehoben hatte, hofft mindestens 33 Prozent der Stimmen zu erobern und so an die erste Stelle der politischen Landschaft Italiens vorzurücken. Spitzenkandidatin der Linken in Mittelitalien ist Lilli Gruber, eine aus Südtirol stammende Moderatorin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks RAI. Sie hatte sich erst nach einigem Zögern entschieden, den Sprung nach Brüssel zu versuchen.

Vollzeit-EU-Abgeordnete

Weitere Spitzenkandidaten der Liste Prodi sind Ex-Regierungschef Massimo D'Alema sowie die Ex-Minister Pier Luigi Bersani und Enrico Letta. Prodi, der nicht kandidiert, weil er sein Mandat in Brüssel zu Ende führen will, koordinierte die Aufstellung der Wahllisten bis ins kleinste Detail. Er drängt darauf, dass sich die Kandidaten, die einen Sitz im Straßburger Parlament erhalten, als Vollzeit-EU-Abgeordnete engagieren. Dahingehend erklärte er: "Es ist unzulässig, dass EU-Deputierte nur hie und da in Straßburg erscheinen."

Die liberalkonservative Regierungspartei Forza Italia von Ministerpräsident Silvio Berlusconi setzt auf populäre TV-Leute und Schauspieler, um Wählerstimmen zu gewinnen. Sie will Italiens stärkste Einzelpartei bleiben. Zu den Spitzenkandidaten der Partei zählen der Journalist Alessandro Cecchi Paone sowie die TV-Moderatorin und Schauspielerin Elisabetta Gardini. Der rechten Regierungspartei Alleanza Nazionale soll der Glanz des Adels Stimmen bringen. Parteivorsitzender Gianfranco Fini überredete Graf Amedeo von Aosta, Cousin des Prinzen Vittorio Emanuele von Savoyen, in die europapolitische Arena zu steigen.

Bei den meisten Großparteien treten auch die Vorsitzenden an. Regierungschef Berlusconi selbst ist Spitzenkandidat seiner Forza Italia, seit zehn Jahren Italiens stärkste politische Einzelpartei. Mit seiner Kandidatur will er den befürchteten Wählerschwund niedrig halten. Die rechtspopulistische Regierungspartei Lega Nord entschloss sich, ihren Chef Umberto Bossi als Spitzenkandidat aufzustellen. Er kandidiert, obwohl er im März eine schwere Herzattacke erlitten hat und sich seither von der Politik fern halten muss.

Zu den kleineren Bewerbern zählt die Bewegung "No Euro", die mit Slogans gegen die europäische Währung die Stimmen erzürnter Konsumenten zu gewinnen hofft. Der Kampf gegen die vermeintliche Teuerungswelle nach der Euro-Einführung spielt auch im Wahlkampf der Konsumentenschutz-Partei "Lista Consumatori" eine zentrale Rolle. Ihr Vorsitzender, Carlo Rienzi, führt seine Wahlkampagne in Unterhosen. Auf diese Weise protestiert er gegen die Inflation, die seiner Ansicht nach stark an der Kaufkraft der Italiener genagt hat. "Die Regierung Berlusconi hat uns in Unterhosen stehen gelassen", kritisiert Rienzi den wirtschaftlichen Kurs des italienischen Mitte-Rechts-Kabinetts. (APA)