Hohenems - Österreich in den frühen 1960ern. Die Wirtschaft boomt, aber es fehlen die nötigen Arbeitskräfte. 1964 schließt Österreich ein Anwerbeabkommen mit der Türkei ab, zwei Jahre später mit der Republik Jugoslawien. Die Bundeswirtschaftskammer wirbt in eigens eingerichteten Anwerbestellen um "Gastarbeiter". Die meisten kommen aber schwarz, als Touristen. Arbeit gibt es genug, legalisiert wird später.

Viele zieht es in Österreichs Westen. Vorarlbergs Industrie braucht die billigen Arbeitskräfte dringend. An den Aufenthalt auf Zeit glauben anfänglich auch die Arbeitssuchenden. Doch viele bleiben, holen ihre Familien nach. Heute hat Vorarlberg mit 13 Prozent den zweithöchsten Ausländeranteil nach Wien. Zweitgrößte Religionsgemeinschaft ist der Islam.

Wie es den Arbeitsmigranten erging, wie sich die Vorarlberger Gesellschaft der Herausforderung Integration stellt, schildert ". . . lange Zeit in Österreich", eine Ausstellung des Jüdischen Museums Hohenems und der Projektstelle für Zuwanderung und Integration, okay. zusammen leben. Die Migrationsgeschichte wird mit Fotografien von Nikolaus Walter, Rudolf Zündel, Arno Gisinger, Michael Guggenheimer und Lyrik des Dichters Kundeyt Surdum dokumentiert.

Vier ganz spezifische Privatarchive, die in die Dauerausstellung des Museums integriert wurden, vermitteln das Thema aus biografischer Perspektive. Eine davon ist die des Pensionisten Erich Brüstle, der als Personalleiter einer Bludenzer Textilfirma das berühmte Frisch-Zitat von den Arbeitskräften, die man gerufen hatte, und den Menschen, die gekommen waren, zur Maxime seines Arbeitens machte.

Stumm in der Schule

Zwei konträre Sichtweisen des Migrantenlebens zeigen die Archive des früheren Übersetzers Ylmaz Yerit, der für österreichische und türkische Behörden arbeitete, und des Kurden Ali Gedik, der sich bei den Grünen engagierte.

Gelungenes Beispiel für das Leben in zwei Kulturen ist das Privatarchiv von Elizabet Hintner-Çali¸skan. Ihr Vater war dem Ruf nach Arbeitskräften gefolgt und wollte seine Familie um sich haben. So begann 1973 für die damals 13-Jährige "das Wandern zwischen hier und dort" mit einem Kulturschock. "Ich kam aus der Millionenstadt Istanbul nach Göfis, wo es mehr Kühe gab als Menschen." Auf die neue Umgebung reagierte sie mit Verweigerung. "In der Schule blieb ich ein ganzes Jahr lang stumm." Schließlich lernte sie Deutsch, "um Freunde zu bekommen". Rückschläge, wie die Verweigerung einer Lehrstelle, steckte sie weg. Elizabet Hintner-Çali¸skan heiratete einen Österreicher und arbeitet als Übersetzerin und Jugendarbeiterin.

Ursprünglich war geplant, die Wiener Ausstellung "Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration" für Vorarlberg zu adaptieren. Ein Plan, der aus Kostengründen fallen gelassen wurde. Dass die Ersatzversion auf großes Interesse stößt, zeigte der Eröffnungstag. Das Jüdische Museum war dem Ansturm kaum gewachsen. Da fiel nur Insidern auf, dass kein Mitglied der Landesregierung den Weg nach Hohenems fand und auch kein offizieller Vertreter der Türkei. (jub/DER STANDARD, Printausgabe, 9.6.2004)