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Das Caldicot Castle

Foto: Archiv
Wales hat drei Millionen Einwohner. Und zehn Millionen Schafe, die freundlich, aber bestimmt jeden Flecken Erde für sich beanspruchen. Sie betupfen unregelmäßig die bis zum Horizont reichenden grünen Hügel. Wenn man von einer der Dutzenden mittelalterlichen Burgen, die man über elendslange Wehrturmstufen bestiegen hat, den Weitblick zum Sandstrand sucht, so schauen sie einem auch dort entgegen. Wer sie jetzt schon lieb gewonnen hat, der kann nachher auch Fisch essen. Im West Arms Hotel etwa, einem jener fabulösen Orte, die - einst Bauerngehöfte oder Herrenhäuser - heute hoch exquisite Gaststätten sind. Man muss nicht golfen oder Tontauben schießen, um nachher einen zufriedenen Abend im alten Gemäuer zu verbringen.

Ein betagter Lord mit schlohweißem Haar nimmt hier seinen Evening-Whiskey ein. Er ist 92 Jahre alt und plaudert in herzhaftem und niemandem außer den Walisern verständlichem Walisisch mit dem Busfahrer. Vielleicht gehören ihm hier in der Gegend ein, zwei große Häuser oder kleine Schlösser (das bleibt sich gleich).

Das West Arms Hotel (www.thewestarms.co.uk), das im 17. Jahrhundert noch eine Kuhtränke war, liegt dort, wo die Landstraßen immer enger werden, wenige Kilometer südlich der Stadt Llangollen. Da bleibt alles Zeitgeistige draußen, auch das Mobilfunknetz. Wer das Handy benötigt, muss schon einen der Dorfhügel besteigen, zünftigen Schrittes vorbei an den - erraten: Schafen. An der "Hauptstraße" liegt der die kleine Kirche umschließende Friedhof mit zum Teil eingesunkenen oder umgefallenen Grabsteinen. In Wales werden Gräber nicht aufgelöst, selbst wenn alle Familienmitglieder gestorben sind. An den verwitterten Gedenksteinen stehen Namen aus dem 19. Jahrhundert.

Zurück im Hotel, das in seinen jahrhundertealten Grundfesten im Fachwerksbaustil noch erhalten ist: In der familiären Bar, gezimmert aus uraltem Holz, werden Appetizer gereicht, während es sich der Hund eines hier wohnenden Ehepaares im derzeit erkalteten offenen Kamin gemütlich macht. Später geht's ins Esszimmer. Alles im alten Herrenhausstil, noch eine Spur einfacher. Wer kein walisisches Lamm gewählt hat (man sollte aber!), der kann immer noch mit folgenden Speisen sein Auslangen finden: Fasanbrüstchen in Fenchelflan oder pochierte Hühnerbrust in Moorlandspeck oder Barschfilet auf Champagnersafransoße. Zuvor eine geräucherte Entenbrust auf süßem Chilidressing und nachher zum Beispiel eine Crème brulée mit Limonentörtchen im Wodkasorbet. Die walisische Küche widerspricht in allem dem landläufig immer noch schlechten Ruf der englischen Küche. Selbst in weniger exquisiten Restaurants. Gepfefferte Erdbeeren bekommt man allerdings wirklich nur bei Küchenchef Grant Williams im West Arms.

Während man seinen Espresso schlürft - ja, auch den kriegen die Waliser hier hin - zirpen von draußen die Grillen rein. Man ist sich hier auch nicht zu gut, ein wenig Musik zu spielen. Und genau diese Unkompliziertheit macht diesen exquisiten Ort so "menschlich". Zum Ausklang des Abends geht's weiter ins Herren- oder Damenzimmer. Bei den Herren wird (vermutlich) Zigarre und Pfeife geraucht. Bei den Damen liegen Magazine und Spiele am offenen Kamin. Der geschlechtlichen Segregation wird mittlerweile zum Glück nicht mehr Folge geleistet, und so hockt schlichtweg ein Häufchen Unmüder in einem der schön drapierten Zimmer und erzählt sich Witze. Es darf geraucht werden! Das Finale machen die unwiderstehlichen und in Wales zum Glück weit verbreiteten Schokominzkugeln.

Der Weg ins Zimmer nachher ist Gott sei Dank nicht weit, und es empfängt einen an der alten Holztür immerhin ein Name (und keine Nummer). Und wenn der Boden unter den Füßen dann schief wirkt, so hat das nichts mit dem übermäßigen Wein- oder Bierkonsum zu tun, sondern mit der Tatsache, dass die Böden schief sind. Das schätzt der von der städtischen Platznot direkt an die Geometrie verwiesene Großstädter. Das Himmelbett steht direkt an der Fachwerksmauer. Und vor dem Fenster, wo unlängst noch Kühe ihren klappernden Heimweg antraten, wird es dann sehr lange ruhig sein. (Margarete Affenzeller/Der Standard/rondo/11/6/2004)