Es gab einen Störfall in Temelín, wie er immer wieder mal vorkommt - zuletzt beim AKW Philippsburg in Deutschland. Dort sind Ende April dreißig Kubikmeter leicht kontaminiertes Wasser unkontrolliert auf ein Flachdach gelaufen und von dort über das Regenwassersystem in den Rhein gelangt. In Temelín floss das Wasser zumindest in ein dafür vorgesehenes Auffangbecken. Beides schlimm genug - aber es steht in keinem Verhältnis zur innenpolitischen Kettenreaktion, die sich automatisch auslöst, sobald es das Wörtchen "Temelín" in die Schlagzeilen schafft.Gleichrangiges EU-Mitglied

Ganz so, als wäre Tschechien nicht gleichrangiges EU-Mitglied, sondern das zehnte Bundesland Österreichs, überbieten sich Politiker aller Fraktionen im Wettlauf der Temelín-Verhinderer. Dass Tschechien das Recht hat, über seine Energiepolitik autonom zu bestimmen, dass sich die Verantwortlichen bei der Meldung des Störfalls an die vereinbarten Regeln des Melker Prozesses gehalten haben - in den Augen der "Wir müssen Jodtabletten bereitstellen"-Fanatiker wie FPÖ-Generalin Magda Bleckmann wohl eine blanke Zumutung.

Stimmungsmache

Jetzt taugt Temelín vor allem für eines: für dumpfe Stimmungsmache am Ende eines - an politischen Störfällen ohnehin nicht armen - Wahlkampfes. Zumindest in einem zeigen sich die Parteisekretariate konsequent: Das inferiore Muster der Auseinandersetzung wird beibehalten. Alle machen mit bei der plumpen Panikmache - in der Hoffnung, im Wachküssen des Schrottreaktor-Schreckgespensts ein Thema gefunden zu haben, das ihre Stammklientel zur Urne bringt.

Auf der Strecke bleibt einmal mehr das ohnehin zerrüttete Verhältnis zum nördlichen Nachbarn. Und Österreichs Anspruch, als Verbindungsland zu den neuen EU-Mitgliedsländern zu gelten - aber dieser wurde in Brüssel seit jeher in etwa so ernst genommen wie die periodisch auftretende Temelínitis. (DER STANDARD; Printausgabe, 9./10.6.2004)