Wien - Ein mit den Anfangsgründen der Schafschur vertrautes Mädchen aus Domrémy wird von überirdischen Stimmen heimgesucht: Gehe hin, Jeanne, und bahne der Rechtmäßigkeit deines Königs den Weg! Und das kraftstrotzende Mädchen mit dem hellen Tönungshaar (Heidelinde Pfaffenbichler), das zwar resolut, aber gar niemals Frau sein darf, tut, wie ihm geheißen: Mäht die Engländer hin.

Plumpst mehrfach auf den Betonboden des Wiener Kabelwerks, jappst und kraucht und singt das Weh vom Teenager, in dessen Eingeweiden ein höchst unzeitgemäßes Geheimnis brennt. Das ist ein Stoff, der aus anderem Staub gebacken wird als aus dem Bauschutt der Oswaldgasse.

Man muss das rasende, faselnde Kind aus den Dichtungsbetten herauspflücken, in die es von namhaften Autoren, darunter Anouilh, Brecht und Schiller, gelegt wurde. Regisseur Karl Wozek hilft mit, die Polster aufzuklopfen: Du, Jeanne, seufzt er: Lege dich sanft zur Ruhe (die Flammen des Scheiterhaufen umzüngeln sie). Du, liebes, freies Theater, gebärde dich aber nicht wie eine durchgedrehte Schaubühne, die Dutzende Kleindarsteller auf dem Altar ihres Eigensinns hinopfert. Wozek, der eine von Erich Sperger mehrbödig eingerichtete Halle als Minimundus bespielt, überhebt sich und andere. Er umstellt die arme Jeanne mit einem Halbdutzend von Deutungsangeboten. Er entwickelt personenreich das Milieu bäuerlicher Kleinstädter, die zwischen Ausziehbank und Illustriertenfoto das Übergriffsrecht des Vaters als Naturgewalt feiern. Viereinhalb Stunden währt die Pflicht: Wozek wechselt in die Tonlage eines Dramenvogts, der alle Ironieangebote, mit denen der Commonsense unverstandenen Politikresten begegnet, wie Münzen streut.

Der Dauphin (Andreas Erstling) ein kichernder Unbegabter, in die Anzugskutte des Bürodieners hineingesteckt: Aus solchen Zeichengebungen besteht eine mehr erfrischende als gelungene Produktion, die das Dilemma "freier Arbeit" verdeutlicht. Künstler ohne Behauptungsdruck basteln mit der Allüre Zadekscher Weltnacherfindung! Dem theater.wozek wünscht man zur Besinnung nächstens ein Sekundenstück. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9./10. 6. 2004)