Enrico Rava
Easy Living

Foto: ECM/Lotus
ENRICO RAVA Easy Living (ECM/Lotus) Die einzig wahre Musik ist die traurige. Wenn Sie dieser These etwas abgewinnen können und es deshalb logischerweise auch nie verwunden haben, dass es Miles Davis nicht mehr gibt, dann sollten Sie sich mit Enrico Rava befassen. Der italienische Trompeter, mit 60 Jährchen schon im gelassen-abgeklärten Jazzalter und in diversen Stilschlachten auf internationalem Feld erprobt, scheint auf seiner neuen Scheibe gleichsam Miles' Blue in Green zum ästhetischen Konzept erhoben zu haben. Natürlich ist hier auch dampfend Souljazziges zugegen. Grundthema bleiben allerdings die balladesken Räume des Melancholischen. Der italienischer Meister des instrumentalen Belcanto durchwandert malerische, harmonische Räume mit der substanzvollen Gelassenheit eines sich durch die Nacht grübelnden Philosophen. Wer über so viel Technik verfügt, kann es sich natürlich auch leisten, zur Attacke anzusetzen, ohne die Grundstimmung zu verraten. So stimmt hier die Balance, und es zeigt sich, dass in der Traurigkeit viel Kraft zu holen ist. Eine der schönsten Einspielungen der vergangenen Jahre, mit tollen Kollegen. Besonders Pianist Stefano Bollani ist ein versierter Könner in allen Stimmungslagen. TILL BRÖNNER That Summer
(Universal) Und nun zur geschmacklichen Verirrungen dieses Sommers: Der deutsche Trompeter Till Brönner, an sich technisch versierter, vielseitiger Jazzer, will hier einen leicht-entspannten Soundtrack für die Sonnentage abliefern und landet beim ärgsten Kaufhaussound. Als mediokrer Sänger piepst er sich durch eine Menge kläglicher Songs, denen ziemlich impotente Bossa-Arrangements den hochverdienten Rest geben. Der Junge sollte sich schämen! Den ganzen Sommer lang. PORTAL/GALLIANO Concerts (Dreyfus/Edel) Wie man auf dem Parkett des Gefühlhaltigen nicht seine Würde vertanzt, kann Tillchen Brönner bei Michel Portal und Richard Galliano studieren. Das Klarinetten-Akkordeon-Zwio mit dem Hang zum Tango verfügt über eine emphatische Gesprächskultur abseits jeglicher Trivialität - gegenseitiges Aufschaukeln lässt poetische Momente der subtilen Verzückung entstehen. Die Kunst der Emphase mit den Mitteln der Beschleunigung gepflegt, virtuose Gelüste (intelligent gebremst durch musikalische Gestaltungskräfte) und improvisatorische Intelligenz ergeben auf dem Parkett der stilisierten Folklore delikate Miniopern ohne Worte. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.6.2004)