Wer glaubt, dem SPÖ-Abgeordneten Josef Broukal habe die Debatte über seine verbale Fehlleistung bei der mittlerweile als "Pogrom"-Sitzung in die Geschichte eingegangene EU-Parlamentsdebatte geschadet, irrt. "Viele in der Partei haben das Gefühl, endlich hat es denen einer so richtig gezeigt", gibt ein Abgeordneter die Stimmung wieder. Gleich nach seinem Ausrutscher ("unbenommen, dem Nationalsozialismus nachzutrauern") hatte Broukal in der einberufenen SPÖ-Klubstehung seinen Rücktritt angeboten: "Wenn ihr findet, ich soll gehen, habe ich kein Problem damit." Lautes Murren war die Antwort.

Murren, wenn auch nicht so laut, hatte es zuvor auch über die sehr versöhnliche Parlamentsrede von Parteichef Alfred Gusenbauer gegeben. "Es ist nicht sinnvoll hineinzuschlagen", hatte er morgens die Linie ausgegeben, die roten Abgeordneten sollen "konziliant" bleiben. Broukals Eskalationsstrategie kam im SPÖ-Klub aber gut an - die Kritik der Regierungsparteien verstärkt nun noch den Heldeneffekt.

Broukal gilt dem Gusenbauer-kritischen Flügel in der Partei nun auch als möglicher SPÖ-Spitzenkandidat für die nächste Nationalratswahl. Neben Broukal und Wiens Bürgermeister Michael Häupl fällt immer wieder ein Name für diesen Job: der von RTL-Chef Gerhard Zeiler. Zeiler dementiert jegliche Ambitionen, er unterhält aber gute Kontakte zu den eher aufmüpfigen Landesorganisationen Salzburg und Oberösterreich. Dort half er sogar im Landtagswahlkampf aus.

Einen weiteren Fürsprecher hat Zeiler in Altbundeskanzler Franz Vranitzky. Zeiler hielt etwa die Laudatio bei der Präsentation von Vranitzkys Memoiren. Dass Vranitzky seinen Nach-Nachfolger Gusenbauer nicht für die Ultima Ratio hält, zeigt eine andere Episode: Vranitzky verließ die Pressekonferenz, bei der Gusenbauer in Anwesenheit von SPÖ-Spitzenkandidat Hannes Swoboda den Pogrom-Vergleich machte, wortlos und mit ernster Miene.

Als Deadline für die heikle Personalentscheidung gilt parteiintern der Wahlparteitag Ende November. (DER STANDARD, Printausgabe 11.6.2004)