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Alois Mock mit Wolfgang Schüssel bei derl Wahlkampf-Abschlussveranstaltung der ÖVP in Wieselburg.

Foto: APA/Herbert Pfarrhofer
E>s war Mitternacht an einem Februartag des Jahres 1994 in Brüssel. Seit zwei Tagen liefen praktisch ohne Pause die Beitrittsverhandlungen Österreichs zur EU. Plötzlich wurden die Journalisten in den düsteren Tagungsraum der österreichischen Vertretung in Brüssel gerufen. Vor uns saß ein schwer gezeichneter Alois Mock, dessen Arme und Beine unkontrolliert zuckten.

Er sprach kaum verständlich. Wir konnten eher erraten als verstehen, dass es eine Krise in den Verhandlungen gäbe: "Vielleicht müssen wir morgen nach Hause fahren. Aber wir werden es immer und immer wieder versuchen, bis Österreich in der EU ist." Dann schleppte sich Mock aus dem Raum. Nicht wenige von uns fragten sich, warum ein schwer kranker Politiker (Parkinson) noch in derart wichtige Verhandlungen ging. Aber wir hatten Mocks wichtigste Eigenschaft erlebt: sein stures, sich selbst nicht schonendes Festhalten an einem strategischen Ziel.

Mock hat die ÖVP auf Europalinie gebracht

Bei der Feier zu Mocks 70. Geburtstag diese Woche sagte der designierte Bundespräsident Heinz Fischer: "Es ist richtig, dass Alois Mock zu den entscheidenden Architekten des österreichischen Weges nach Europa zählt." Mock hatte die eigene ÖVP, wo sich das Gewerbe und die Bauern vor dem Beitritt fürchteten, auf die Europalinie gebracht (so wie Vranitzky den ÖGB).

Mock war kein liberaler Politiker. "Sozis" waren ihm letztlich ein Gräuel. Er verstand im Grunde auch nicht, warum Österreich, warum Kurt Waldheim wegen seiner unklaren Haltung zur Nazi-Vergangenheit misstrauisch betrachtet wurde. Jörg Haider empfand er bloß als einen rabaukenhaften Jungspund, dessen bewusstes/instinktives Verwenden von Nazi-Gedankengut nicht ernst zu nehmen sei.

Vranitzky kündigte die Koalition mit der FPÖ auf, als er sah, unter welchen Umständen ("Saujud" für Norbert Steger) Haider 1986 in Innsbruck triumphal auf den Schild gehoben wurde. Mock ließ keinen Zweifel daran, dass er mit Haider abschließen wollte, auch nachdem er die schon sicher geglaubte Wahl gegen Vranitzky verloren hatte. Der Weg zu einem ÖVP-Kanzler führte, damals wie später, nur über Haider.

Nicht beschränkt-provinziell

Doch Mock war nicht beschränkt-provinziell. Er erkannte historische Entwicklungen und zog die richtigen Schlüsse daraus: EU-Beitritt, Zusammenbruch des Kommunismus, Zerfall Jugoslawiens. Und er war aktiv beteiligt. Er sprach sich mit der reformkommunistischen Regierung Ungarns ab, sodass im Sommer 1989 bei einem "Europapicknick" Otto Habsburgs (!) Hunderte DDR-Bürger, die in Ungarn urlaubten, über die Grenze nach Österreich "durchbrechen" konnten. Das war der Beginn eines Dammbruchs.

Mock war richtigerweise überzeugt, dass der großserbische Nationalismus Jugoslawien zerstören musste. Dass er den Jugoslawienkrieg durch eine voreilige Anerkennung von Kroatien und Bosnien erst heraufbeschworen habe, ist eine bösartige Legende. Mock wirkte zwar auf den deutschen Außenminister Genscher ein, damit die EU die Unabhängigkeit der beiden Teilrepubliken anerkenne, aber das war 1992, als Milosevic seine Armee längst losgeschickt hatte. Mock hatte Sympathien für das katholisch-nationale Kroatien, er sah über Tudjmans Verbrechen zu sehr hinweg, aber entscheidend war seine richtige Einschätzung: Jugoslawien ist nicht zu retten.

Mock hat nie verstanden, dass Österreich echte Liberalität und Weltoffenheit braucht. Aber er wusste in den entscheidenden Jahren, was richtig war für unsere Position in Europa. (DER STANDARD, Printausgabe 11.6.2004)