Bild nicht mehr verfügbar.

Auch Dolly Buster will nach Brüssel

foto: apa/dpa/Perrey
Pavel Telicka war sichtlich irritiert: Umringt von einem TV-Team stand plötzlich Dolly Buster im Brüsseler Büro des tschechischen EU-Kommissars. Telicka ließ sie in der Ecke sitzen, plauderte kurz mit den Fernsehjournalisten - und eilte aus seinem Büro.

Die tschechisch-deutsche Pornodarstellerin Buster fühlte sich dafür in Brüssel umso wohler: "Ich bin im Europaparlament fast daheim. Lachen Sie nicht! Das meine ich ernst", versicherte die 34-Jährige: Ihre Erfahrungen als Unternehmerin in der Sexindustrie qualifizierten sie für den Wirtschaftsausschuss bestens. Allerdings hat die Porno-Queen wenig Chancen, ihr Wissen einzubringen: Sie kandidiert für die erfolglose tschechische Kleinpartei "Unabhängige Initiative".

Bessere Aussichten, nicht nur im Wahlkampf aufzufallen, sondern auch ins Parlament gewählt zu werden, hat da schon ein Landsmann: Vladimir Renek, als Astronaut eine lokale Berühmtheit, der für die tschechischen Kommunisten antritt. Er könnte im Europaparlament Fachgespräche über die Raumfahrt führen: Wenn sein Astronauten-Kollege Miroslaw Herman- szewski für Polen den Einzug schafft.

Generell sind es die neuen EU-Mitgliedsstaaten, die mit den buntesten Kandidaten aufwarten: In Estland etwa tritt das Topmodel Carmen Kaas an. "Ich möchte Estland etwas zurückgeben", begründet sie ihre Kandidatur für die bürgerliche Regierungspartei Res Publica. Ihr politisches Programm war bisher nicht in Erfahrung zu bringen - die 25-jährige Kaas hält ihre kosmopolitische Erfahrung für Qualifikation genug: "Ich habe in den letzten zehn Jahren viel von der Welt gesehen."

In der Slowakei hingegen ist die Wahl weniger ein Schönheits-, sondern ein Eishockeymatch. Zwei Eishockeylegenden treten für verschiedene Parteien an: Peter Stastný ist Spitzenkandidat der größten Regierungspartei, der SDKÚ von Premier Mikulás Dzurinda, Jozef Golonka kandidiert für die Slowakische Nationalpartei.

Nicht im Sport, sondern im Fernsehen haben sich zwei polnische Kandidaten ihre Prominenz erworben: Sebastian Florek und Klaudiusz Sevkovic waren beide im polnischen "Big Brother" und drängen nun ins Europaparlament. Ein TV-Star anderen Kalibers kandidiert in Italien: Lilli Gruber, eine der bekanntesten Journalistinnen, will ihre Kritik an Silvio Berlusconi ins EU-Parlament tragen.

Nur seinen Namen trägt der Literaturnobelpreisträger José Saramago zur Wahl bei: Er tritt für die portugiesischen Kommunisten an - aber ganz hinten auf der Liste. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.6.2004)