Graz - Die Geschichte der steirischen Juden beginnt im Mittelalter und ist die Geschichte wiederkehrender Marginalisierungen, Verfolgungen, Enteignungen, Vertreibungen und Ermordungen. Das "Centrum für Jüdische Studien" an der Universität Graz brachte kürzlich den fünften Band seiner Schriftenreihe heraus, zu dem Historiker teilweise völlig neue Forschungsergebnisse beisteuerten. Der Widerspruch von Annäherung und Abgrenzung zwischen Juden und Nichtjuden zieht sich dabei als roter Faden durch das Buch "Jüdisches Leben in der Steiermark" (Studien Verlag).

Der Klagenfurter Historiker Markus Wenninger demontiert etwa in seinem Beitrag "Das Grazer Judenviertel im Mittelalter" die These, das mittelalterliche Judenviertel - die heutige Herrengasse im Zentrum der Stadt hieß einst Judengasse - sei ein geschlossenes Getto gewesen. Wenninger konnte zeigen, dass viele Häuser von Christen neben jenen von Juden standen. Mitte des 15. Jahrhunderts kam es zur ersten Vertreibung und Wiederansiedlung von jüdischen Bürgern in Graz.

Gründung der Kultusgemeinde

Neues bringt auch der Beitrag von Herausgeber Gerald Lamprecht über die Umstände, die 1869 zur Gründung der Grazer Kultusgemeinde führten. Aber auch den Juden der Städte Judenburg und Radkersburg und der Arisierungen in der Steiermark sind eigene Kapitel gewidmet. Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die jüdische Bevölkerung in Graz ihren Höchststand von fast 2000 erreicht. Das war auch die große Zeit jüdischer Vereine in der Stadt. Die beiden wichtigsten waren der Turnverein Makkabi und die Hakoah. Heimo Halbrainer vom Verein Clio beschreibt in seinem Aufsatz, wie wichtig diese beiden Einrichtungen über den Sport hinaus waren. Die Hakoah, die 400 Mitglieder zählte, gab eine eigene Zeitung heraus, während ihr Fußballteam Sturm und GAK zum Schwitzen brachte.

Die Nazis hätten es fast zuwege gebracht, "hinter die steirisch-jüdische Beziehungsgeschichte einen grausamen und blutigen Schlusspunkt zu setzen", so Lamprecht. Doch als 2000 die wieder errichtete Synagoge mit ihrer beeindruckenden Glaskuppel ihre Pforten öffnete, wirkte es wie eine Initialzündung für das Wiedererwachen jüdischer Identität in Graz, wo nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch Juden lebten. Heuer fand die erste Beschneidung der Kultusgemeinde seit über 60 Jahren in Graz statt, jene von neugeborenen Zwillingsbrüdern. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, Print, 11.6.2004)