Nicht einmal die Debatte über einen EU-Beitritt der Türkei weckt gegenwärtig in Frankreich politische Leidenschaften. Die europäische Dimension der Wahl ist in der Kampagne fast völlig untergegangen. Nur die liberale UDF versuchte sich mit EU-Themen, und der ehemalige sozialistische Premier Lionel Jospin, der eigentlich aus der Politik aussteigen wollte, rief sich mit einer langen, aber wenig aufregenden Europa-Ansprache in Erinnerung. Den französichen Medien war der Inhalt ohnehin ziemlich egal; sie mutmaßten einzig, ob Jospin damit sein Comeback einleite.

Sozialistenchef François Hollande, dem sein einstiger Freund Jospin plötzlich ein wenig im Licht steht, ruft dazu auf, die liberalkonservative UMP von Präsident Jacques Chirac und Premier Jean-Pierre Raffarin nach den Regionalwahlen vom März ein zweites Mal abzustrafen. Die Rechte scheint sich mit einem schlechten Resultat bereits abgefunden zu haben.

Nach einer Umfrage kommen die Sozialisten auf 27,5 Prozent der Stimmen, die UMP auf 18 und die UDF auf elf Prozent. Die Bedeutung dieser Zahlen ist insofern zu relativieren, als zwei Drittel der Befragten "kein" oder "wenig Interesse" an der EU-Wahl äußern.

Das mangelnde Interesse kontrastiert mit einer wahren Inflation von 168 Listen. Neben der Liste "Euro-Palestine", die sich gegen die Politik des israelischen Premiers Ariel Sharon, aber auch gegen jüdische Organisationen in Frankreich wendet, treten auch andere eher exotische Listen an, die für den Schutz von Tieren, Automobilisten oder der baskischen Kultur kämpfen oder für die Esperanto-Sprache, die Monarchie oder die Rückkehr zum Franc eintreten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.6.2004)