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Der große US-Musiker Ray Charles hier bei einem Auftritt in New York im Jahr 1983. Am Donnerstag erlag er 73-jährig in Kalifornien einem Leberleiden.

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Trotz einer lustlos vergeudeten Karriere der späten Jahre zählt Charles zu den entscheidenden Wegbereitern der Popmusik zwischen Soul und Country.


Beverly Hills - Die letzten zwei, drei Jahrzehnte seiner Karriere widmete er eher Projekten, die nicht dazu angetan sind, in die Geschichtsbücher einzugehen. Jahrelang gesungene Werbung für Diätlimonade, in denen er eigene Hits verhunzte, zählen ebenso dazu wie ungefähr im Dreimonatsrhythmus veröffentlichte Zusammenstellungen seiner "größten Hits", "goldensten Klassiker", "platinigsten Performances" oder womit auch immer in CD-Regalen auf Autobahntankstellen Geld verdient wird.

Zu all dem segensreichen Verwalten alter Großleistungen wie den immergleichen Evergreens (What'd I Say, Georgia On My Mind, Hit The Road Jack . . .) kamen schließlich auch noch an der Grenze zur Selbstdemontage absolvierte Gastspiele.

Bei diesen Tourneen verzichtete Charles oft auf fixe Begleitmusiker und buchte jeweils vor Ort lokale Bigbands, denen vorher einfach die Notenblätter zugesandt wurden. Mit Grauen erinnert man sich auch an den einen oder anderen Österreich-Auftritt des späten Ray Charles, bei denen nur noch selten die einstige Energie, Beseeltheit und der Witz aufblitzten, die ihn einst so populär machten.

Ray Charles kümmerte sich nur noch nebenbei um die Musik. Und wenn die Begleiter nicht seine hohen Standards erfüllen konnten, war er sauer. Er vergeudete in seinen letzten Jahren sein Talent an Routine und Langeweile.

Allerdings darf eines nicht vergessen werden: Der Mann war nicht zuletzt dank seiner rauen, voluminösen und gern himmlisch Richtung Sonne, Mond, Sterne und Schlafzimmer falsettierenden Stimme, die so manchen seichten Popsong mit ungeheurer Emotionalität vor der Unerheblichkeit rettete, ein ganz, ganz Großer. Nicht nur weiße Milchbuben wie Van Morrison oder Joe Cocker verdanken ihm von der Intonation her einiges. Historisch gesehen agierte Ray Charles gerade in den 50er-und frühen 60er-Jahren als Komponist und Arrangeur in Genienähe.

Rauer Stil

Ray Charles Robinson wurde 1930 in ärmsten Verhältnissen in Albany, Georgia, geboren. Als Kind musste er mitansehen, wie sein Bruder ertrank. Ray erkrankte an der schleichenden Augenkrankenheit Glaucoma und war mit sieben Jahren vollständig erblindet. Seine Eltern starben, als er noch Teenager war. Er kam in ein Blindenheim in Florida, wo er Komposition studierte und mehrere Instrumente erlernte.

Ende der 40er-Jahre - Charles war inzwischen professioneller Musiker - begann er als Barsänger im sanften Stile eines Nat King Cole Platten aufzunehmen. Erst aber als er Anfang der 50er-Jahre zum Atlantic Label wechselte und gemeinsam mit dem legendären Produzenten Jerry Wexler (Solomon Burke, Aretha Franklin . . .) auch dank Engagements in Rhythm-'n'-Blues-Bands einen raueren Stil zu kultivieren begann, offenbarte sich seine wahre Größe.

1955 sorgte I Got A Woman, sein erster eigener Hit, nicht nur wegen der sündigen Verbindung von bei den Baptisten erlerntem Gospelgesang mit dem im Rotlicht beheimateten, harten und vulgären Sound des R 'n' B für eine Revolution. Immerhin führte dies mittelbar nicht nur zum Rock 'n' Roll. Mit dieser Stil-Melange aus weltlichem Fundament und himmlischer Verzückung und den Lobgesängen auf gefallene Engel (Hallelujah, I Love Her So!) wurde Charles auch zu einem entscheidenden Mitbegründer der Soulmusik.

Allerdings wollte sich Charles nach seinem ersten Nummer-eins-Hit in den Pop-Charts mit Georgia On My Mind aus 1960 nicht auf den Soul festlegen. 1962 hatte Charles nach Ausflügen in den Jazz (Genius + Soul = Jazz), den Blues (Sings The Blues) und als Soul Brother mit dem wahnwitzigen und bis heute bahnbrechenden Album Modern Sounds In Country And Western Music auch dem Cowboy-Genre die Seele in den Tank getan und mit fordernden Bläsersätzen und Streicherarrangements den Sex ins Wehleid gebracht.

Ab Mitte der 60er-Jahre, nach letzten großen Arbeiten wie Take These Chains From My Heart oder Crying Time, flüchtet sich Charles jedoch zunehmend in "seichtere" Popbereiche. 1966, Charles war seit seiner Teenagerzeit drogensüchtig, wird er wegen Heroinbesitz zu einer fünfjährigen bedingten Haftstrafe verurteilt und geht auf Entzug.

Es folgt bis herauf zu einer Hüftoperation im Vorjahr eine finanziell gut abgepolsterte Karriere inklusive zwölf Grammys. Charles geht je nach Laune auf Tournee oder nimmt Platten zwischen Easy Listening, Soul und Country auf. Zuletzt etwa das beachtliche My World aus 1993.

Ray Charles ist 73-jährig in seinem Haus in Beverly Hills einem Leberleiden erlegen. (DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.6.2004)