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Ein sichergestellter Anthrax-Brief

Foto: Reuters/HO
In der edition suhrkamp erscheinen die "Stichworte zur geistigen Situation der Zeit". So kann man das zumindest seit dem von Jürgen Habermas herausgegebenen, gleichnamigen Doppelband aus dem Jahr 1979 erwarten.

Der Zürcher Kulturwissenschafter und Historiker Philipp Sarasin hat jetzt ein aktuelles Stichwort benannt: "Anthrax". Bioterror als Phantasma (edition suhrkamp 2368) handelt von den westlichen Bedrohungsszenarien in den Zeiten des Terrorismus.

Nicht so sehr die Flugzeuge, die ins World Trade Center flogen, sind für Sarasin das Bild für die neue Risikogesellschaft, sondern die mit Milzbranderregern versetzten Briefe nach dem 11. September 2001: "Mehr als je zuvor erzeugten die vergifteten Briefe zusammen mit ihren zirkulierenden ungiftigen Kopien einen imaginären Raum, in dem die Angst sich von ihrem konkreten Gegenstand ablöste, sich vervielfältigte und hypertroph wurde."

Diesen Raum durchmisst Sarasin in seinem Buch. Er untersucht Fernsehfilme und Computerspiele, zitiert Webseiten und Bestseller und findet überall Belege für seine Behauptung, dass der Westen sich nicht einfach vor neuen Anschlägen fürchtet, sondern vor "Infektion". Aus Anthrax wird "Anthrax" - und die Anführungszeichen machen aus dem Erreger ein Syndrom.

Die Neugierde der Feuilletons war schnell geweckt. Die Zeit listet Sarasins Essay an der ersten Stelle ihrer Sachbuchempfehlungen: Sie verspricht Neues über "die unheimliche Allianz von Fiktion und Wirklichkeit des 11. September". Unheimlich ist vor allem vieles, was zu diesem Thema geschrieben wird.

Für Philipp Sarasin war 9/11 nicht fiktional genug. Deswegen kommt er geläufigen Verschwörungstheorien sehr nahe. Er zitiert einen Bericht der New York Times, demzufolge unmittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center bereits Spezialisten vor Ort waren, die nach biologischen Kampfstoffen suchten. Die US-Regierung war auf diese Bedrohung zwar nicht besser vorbereitet, es gab aber bereits in den Neunzigerjahren zahlreiche Übungen für den Fall der Fälle.

Ein Buch macht Politik

Der Kulturwissenschafter berichtet, dass ein Bestseller US-Präsident Bill Clinton für das Thema sensibilisiert hatte: "Cobra" von Richard Preston erschien 1997 und erzählt davon, wie in New York ein Virus freigesetzt wird, das dazu führt, dass sich die Menschen buchstäblich selbst auffressen. Obwohl das Buch unter "Fiction" läuft, hielt sich der Autor selbst zugute, dass er mit Experten aus dem Pentagon und anderen Regierungsbehörden und wissenschaftlichen Institutionen gesprochen und seine Erfindung in der Realität "abgesichert" hätte. Preston galt nun selbst als Fachmann und wurde seinerseits als solcher zu Anhörungen eingeladen. "Cobra war eine Signifikantenbombe", schreibt Sarasin. Ein Roman bestimmte die Politik.

Als George W. Bush ins Amt kam, blieb Bioterror auf der Agenda. Sarasin erlaubt sich nun eine weit reichende Spekulation rund um 9/11. Eine "Denkmöglichkeit": "Die Administration hatte die Warnungen über die bevorstehende Attacke zur Kenntnis genommen, und sie hatte dafür gesorgt, dass diese nicht verhindert wird, zum Beispiel weil sie sich ausrechnete, dass ein solcher Angriff die Nation auf einen langen ,war on terror' einstimmen werde, der viele geopolitische Optionen eröffnen und auch innenpolitisch nicht uninteressante Effekte haben könnte."

Die Anthrax-Briefe, deren Urheber noch immer unbekannt ist, kamen dabei genau zur rechten Zeit. Auch dazu hat Sarasin eine Spekulation: Der Absender war "ein billiger Lohnschreiber, jemand, den man beauftragen kann, mit seiner Kunst die Verbindung zwischen den Flugzeugangriffen und Saddams 'Massenvernichtungswaffen' herzustellen, weil die Attentäter so dumm waren, das zu versäumen, vielleicht, weil sie zwar alle Hollywood-Katastrophenfilme gesehen, aber 'Cobra' nicht gelesen hatten. Diesen Auftrag, so kann man sich denken, hat unser Autor kurz nach dem 11. September entgegengenommen. Wo Anthrax vorrätig war, wusste er."

So trieb die Regierung Bush also ihr geheimes Spiel, und ihr Ziel war dabei nicht, dem Nahen Osten mit Militärgewalt die Demokratie zu bringen und die US-Bürger auf immer neue "Patriot Acts" einzuschwören. Vielmehr, so Sarasin, ging es ihr um "Schädlingsbekämpfung". Hier erreicht sein Buch den metaphorischen Kern. "Der arabische Terrorist - der Selbstmordattentäter per se - ist eine lebende Biobombe, sein Körper ein pathogener Erreger."

Der Krieg gegen den Terror ist rassistisch, die Angst vor der Infektion ist die andere Seite der Globalisierung. Auch hier muss Sarasin eine Unterstellung vornehmen: Er muss der US-Regierung als Handlungsabsicht zuschreiben, was radikale Rechte auf ihren Homepages schreiben. Rassismus ist aber gerade das Tabu des Kriegs gegen den Terror, weil die notwendigen Koalitionen über ethnische Differenzen hinweg geschmiedet werden müssen. Rassismus stört die Interessen.

Symptom für das Elend Mit seiner kulturwissenschaftlichen Methode findet Sarasin viele Indizien, aber er lässt jeglichen politischen "common sense" vermissen. Er sieht nur Zeichen ("Signifikanten"), wo doch schon die Taten bezeichnend genug sind. "Anthrax". Bioterror als Phantasma ist ein Symptom für das Elend der Geisteswissenschaften. Sie geben sich häufig vorschnell mit einem Stichwort zufrieden. (Bert Rebhandl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 6. 2004)