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Wer abends ausgeht, kann derzeit überall das Gleiche erleben: Einen Tisch weiter sitzen sie und jammern. Ob im Gasthaus am Land oder in der Lounge in der Stadt, sie reden sich die Köpfe heiß, weil sie Steuern gezahlt haben oder, schlimmer noch, zehn Euro Praxisgebühr beim Ohrenarzt. Da sitzt man still in der Ecke und hört zu, wie sie das Ende des Sozialstaats heraufbeschwören. Kellner, noch ein Bier, noch einen Cappuccino, koffeinfrei. Man traut seinen Augen und Ohren nicht: Es geht ihnen gut, und sie klagen bitter ihr Leid. Ein Bier weniger, etwas Koffein und die Krise wäre überwunden. Doch ihr Urteil steht fest: Es geht uns schlecht.

In diesem Befund, der einem im alten Kerneuropa an jeder Ecke entgegenschlägt, stecken drei verdammte Vorurteile. Erstens: Bis vor kurzem ging es uns gut. Zweitens: Wir haben allen Grund zu klagen. Drittens: Unsere Laune ist so schlecht, weil die da oben alles falsch machen. Das erste ist schnell widerlegt - es kann uns gar nicht gut gegangen sein, schließlich haben wir wesentliche Entwicklungen verschlafen. Das zweite Vorurteil dankt sich falscher Selbstwahrnehmung - wer im Gasthaus sitzt und mit Freunden redet, ist nicht am Ende; wirklich arm sind andere, der gepfändete Schuldner, die kleine Rentnerin, der Obdachlose. Das dritte Vorurteil spricht uns allen direkt aus dem Herzen: Die anderen sind schuld, die Bierbrauer, die die Preise erhöhen, die Politiker, die keine Entscheidung treffen, die globale Strömung, die unsere nette Insel überflutet.

Die Wahrheit ist eine andere, und wir kennen sie: Wir sind mit uns selbst am Ende. Wir spüren, wie müde wir sind, und trinken noch ein Bier, um auf unsere letzten Errungenschaften anzustoßen: Sozialstaat, Frieden, Zukunft . . Kurz nach den Feiern zum D-Day sehe ich ein Bild vor mir: Soldaten, am Atlantik eingegraben, die aus MG-Nestern auf alles schießen, was da kommt, als wäre es aufzuhalten.

Wir haben ernste Probleme, ohne Frage. Wir müssten über sie reden, die Krise beschreiben, Lösungen suchen. Nur, wir diskutieren nicht, sondern bunkern uns ein, schießen wild um uns - nicht mit Argumenten, sondern mit den Gefühlen, derer wir uns gerade noch sicher sind. Wir beten die alten Klischees herunter wie Perlen am Rosenkranz und tauschen barsch Vorurteile aus.

Zum Beispiel Frieden. Als es darum gegangen wäre, den Krieg im Irak abzuwenden, betraten nicht rationale Gedanken das Feld, sondern sentimentale Grundsatzpositionen, Kriegslust vs. Friedensliebe. Den meisten genügte Mr. Bush als lebendes Klischee des bösen Amerikaners, um zur "Räson" zu kommen. Ich traf einen wetterfesten Pazifisten, in einem Dorf von Aussteigern, Künstlern, Alt- wie Neulinken, einen gut aussehenden Kerl mit Bart und wilden Augen, und fragte ihn, wie es geht, kurz nach Beginn des Krieges in Afghanistan. Er sagte, gut, und strahlte. Dann besann er sich und setzte hinzu, die globale Lage mache ihn fertig, den Blick so finster, dass ich ihn seither "deutscher Taliban" nenne. Von ähnlich vorrationaler Prinzipienfestigkeit waren jene, die den Eindruck vermitteln wollten, mehr als andere vom Frieden zu verstehen. Unnachahmlich, so peinlich wie smart, der Präsident des Deutschen Bundestages, der seine Ablehnung des Krieges im Irak mit dem doppelten Auerbach krönte: Einstige Krieger wüssten nun einmal mehr von den Schrecken des Krieges. Solch sentimental-moralische Klischees ersticken alle Diskussion im Keim, und das bei einem Krieg, den man hätte diskutieren müssen.

Das Phänomen ist alt. In Zeiten großer Verunsicherung denken wir plötzlich mit falschem Respekt, Tabus erhalten Nahrung, wir setzen auf Vertrautes, Gefühle, Klischees. Relativ neu ist die Richtung. Früher kamen Vorurteile gern von rechts, auf der linken Seite herrschte freieres Denken. Die Unterscheidung gilt nicht mehr, auch wenn heute viele Vorurteile aus der einstmals linken Ecke kommen. Humaner Sozialstaat, böses Kapital, Spekulanten, die das Gemeinwesen verlachen, George W. Bush. Der Staat hat kein Geld mehr, weil die Reichen reich sind; der gesellschaftliche Friede ist bedroht, weil die falschen Kräfte auf uns wirken, globale Konzerne, internationale Organisationen, die USA.

Wir haben keine Zukunft, weil man uns nicht lässt. Beispiel Sozialstaat. Er ist tatsächlich bedroht, nicht nur von außen, auch von innen. Jeder kennt einige Leute mit gut bezahlten Jobs, die alle Jahre eine Auszeit nehmen, dick gepolstert mit Arbeitslosengeld. Wenn man mit ihnen zu streiten beginnt, kommt irgendwann das Argument, sie wären schön blöd, ihre Ansprüche nicht einzulösen. Jeder kennt Leute, die wegen ein paar Euro mehr fürs Aspirin das Ende der Solidargemeinschaft ausmachen. Jeder kennt Gewerkschafter, die im Ton seligen Klassenkampfes ihre Forderungen stellen, als wären die Dinge nicht komplizierter geworden. Jeder kennt den kleinen Angestellten mit den großen Privilegien. Es geht hier nicht um die Frage, ob und wie die sozialen Systeme zu retten wären, sondern um die Art und Weise, wie dies diskutiert wird. So gut wie gar nicht. Und wenn, aus den alten Reflexen heraus. Wer Zweifel am Sozialstaat äußert, diesem Kind des Wirtschaftswunders, das erwachsen wurde in den goldenen 70er-Jahren, stellt den Kanon von Generationen infrage. Er liebt die kleinen Leute nicht, heißt der Vorwurf, der ihn schnell zum Schweigen bringt.

Die Werte von "68" wie Gerechtigkeit, Solidarität, Frieden, die niemand vom Sockel holen will, werden heute wie Waffen eingesetzt, in Abwehr des Angriffs auf alte Privilegien, im selbstverliebten Bush-Bashing. Als harte Vorurteile, die das Denken lähmen. Zusammen mit einem zähen Antiintellektualismus und tiefer Skepsis gegenüber Eliten erzeugen sie wohlige Gefühle, den Kitsch der Aufklärung. Lange haben wir uns etwas auf unser kritisches Denken eingebildet. Viel ist davon nicht übrig. Selbst Intellektuelle starren ängstlich auf das Neue, ziehen sich hinter Klischees zurück, geben das Argumentieren einfach auf. Im Münchener Literaturhaus war neulich Michel Chossudovsky zu Gast, Autor des Buches Global brutal. Der Saal war ausverkauft, die kritischen Bürger der Stadt waren da. Chossudovsky referierte Verschwörungstheorien zum 11. September. Er wollte sagen, dass er George Bush für einen klugen Mann und ernsten Gegner hielt. Vergebens. So etwas wollte sein Publikum nicht hören. Bush ist lächerlich und dumm, der ganze Saal mit über hundert Menschen war einer Meinung. Und Chossudovsky stand traurig am Pult und schüttelte den Kopf.

Vor ein paar Jahren hat jemand das böse Wort "Cocooning" erfunden, für einen Lifestyle-Trend. Es ist wie gemacht für unser Thema. Der mittlere Europäer wickelt sich in die Decke der guten alten Werte, um nicht zu frieren. Dass ihm das nicht helfen wird, ahnt er durchaus. Dennoch blickt er gelähmt auf alles, was da kommt, die EU-Osterweiterung etwa. Wie er sich seine Zukunft vorstellt? Groß natürlich, schließlich waren wir das immer. Ich habe das Gefühl, dass er sich etwas vormacht, doch vielleicht ist auch das ein Vorurteil. (Lukas Hammerstein/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 6. 2004)