ALBUM: Wie hat sich die Literatur durch das Internet verändert? Grond: Einerseits erweitern multimediale und interaktive Werkzeuge die Möglichkeiten des Schreibens, andererseits wird das Internet, davon bin ich überzeugt, eminente Auswirkungen auf das Schreiben von Buchliteratur haben. Die heute 50-jährigen LeserInnen, die den Hauptteil der Bücherkäufer und Feuilletonleser ausmachen, werden durch eine neue Generation abgelöst, die neben den "alten" Fetischen Buch und Zeitung auch intensiv die neuen Medien rezipiert. Ich glaube, dass der Universalismus, den die Literatur für sich beansprucht, durch den Pragmatismus individualisierter Lebensentwürfe hinfällig wird. Literatur wird noch viel mehr, als das bisher der Fall war, ein Medium, das sich der Konkurrenz um Lesezeit stellen muss. Das verändert ganz eminent das Schreiben von Literatur. Der Entwurf des auratischen Dichters entblößt sich als Entwurf einer Community unter vielen. Von innen wirkt dieser Entwurf immer noch heilig, von außen aber lächerlich. Draesner: Die Frage nach dem Auratischen und nach der Position des Schriftstellers ist eine interessante, weil sich in den vergangenen 30 Jahren immer wieder Autoren zum Dichterpropheten stilisierten, der etwas über die reale Welt verkündet. Diese Pose wird hoffentlich durch das Internet noch lächerlicher. Ich finde sie ohnehin schon lächerlich, für mich ist sie auch abstoßend, sie hat mit dem Kern von Literatur, wie ich sie verstehe, nichts zu tun. Ich bin froh, wenn die Hohlheit einer Position, die glaubt, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben, durch ihre Brechung in ein anderes Medium hinein sichtbar wird. Trotzdem: Es gibt offenbar beim Publikum immer noch das Bedürfnis nach Aura, deswegen gibt es Popstars, Idole etc. Reste davon sind auch in der Literatur noch da. Ich beobachte, dass die reale Anwesenheit eines vergänglichen Körpers in einem realen Raum von den Menschen gesucht wird. Es gibt in Deutschland Literaturhäuser, die sich weigern, ihre Veranstaltungen aufzuzeichnen. Es gibt keine Konserve, und daraus besteht ein Teil der Attraktion. Es wird ein medienfreier Raum kreiert, der das Vergehenkönnen, die Vergänglichkeit zelebriert. ALBUM: Also Authentizität als der neue König, wie Ulrike Draesner einmal schrieb? Draesner: Ja, Authentizität als der neue König, auch in der Inszenierung des Literaturbetriebs, der auch von der Medienmaschinerie abhängt, aber dann auf dieses auratische Moment der realen Präsenz des Körpers setzt. Der Kontext, in dem ich das geschrieben habe, ist aber ein anderer, ich machte nämlich die seltsame Erfahrung, dass man beim Schreiben nicht lügen kann. Man kann zwar alle möglichen Lügen erfinden, man kann die Figuren lügen lassen, es gibt aber beim Erfinden eine Arbeit, sich dahin vorzuarbeiten, wo so etwas wie - ich finde kein anderes Wort dafür - ein Gefühl des Kerns oder der Wahrhaftigkeit liegt. Ein Gefühl, auf den Grund dessen gestoßen zu sein, was die Figur antreibt, was sie ist. Das sind die Punkte, an denen die Konstruktionsschwierigkeiten eigentlich hängen. ALBUM: Herr Grond, finden Sie das auch, dass man beim Schreiben nicht lügen kann? Grond: Wenn ich sage, ich setzte mich als Autor damit auseinander, was die Zeit mir sagt, komme ich zum radikalen Sampling. Unser Leben ist radikales Sampling geworden, und das bedeutet, dass das Angelesene, das Intertextuelle genauso wie der Augenschein, das Erfahrene, das Gehörte, das Erlebte, dass all das vereinheitlicht ist und auf einer Ebene passiert. Wenn dem so ist, dann bedeutet das, dass Facts und Fiction sich vermischen. Deswegen glaube ich, dass in digitalen Zeiten das Lesen zur eigentlichen Kernkompetenz werden wird. Die Frage ist ja nicht, brauchen wir die neue Autorität, die dieses Vermischte wieder auseinander dividiert - dann sind wir wieder beim auratischen Autor des Modernismus -, sondern die Frage ist, wie können wir in einer Welt, in der sich alles so sehr vermischt, durchnavigieren. Wie können wir uns beim Schreiben und Lesen da durchnavigieren. Das Faszinierende am Internet ist doch, dass man auf der einen Seite, der Programmebene, eine unglaubliche Komplexität vor sich hat, und diese Komplexität, die ist mindestens so groß wie das, was mich bisher an der kompliziertesten Literatur interessiert hat. Für mich ist Literatur nicht anders denkbar, als diesen intertextuellen Kontext und die Selbstreferentialität - und das Denken vor allem - miteinzubeziehen. Im Internet basiert Komplexität auf der Programmebene, und die Programmebene erzeugt Oberflächen, die vereinheitlicht sind und die etwas wie Langeweile als ästhetische Kategorie akzeptieren. Was mich interessiert, ist, eine unglaublich komplexe Literatur zu schreiben, die an der Oberfläche wie normale Literatur aussieht. ALBUM: Apropos Wahrhaftigkeit, wie sieht es mit dem Verhältnis von Literatur und Moral aus? Draesner: Ich würde für die Moral-Frage gern einen Unterschied definieren. Zum einen für mich als Autorin und zum andern für die Texte und was da passiert. Natürlich habe ich als Autorin gewisse Überzeugungen und Weltansichten und für die bin ich auch bereit einzutreten. Das heißt, ich äußere mich als biographische historische Person Ulrike Draesner in einem bestimmten Kontext. Das ist die eine Geschichte. Davon ganz klar getrennt ist, was ich tue, wenn ich am Schreibtisch sitze. Wenn ich schreibe, gibt es einen Erzähler oder eine Erzählerin, und schon das ist eine Figur. Literatur, die aus ihren guten Absichten besteht, wird auch genau darin versinken. Ein literarischer Text kann nur lebendig werden, wenn er versucht, Vielfältigkeit darzustellen. So verstehe ich auch meine Aufgabe, überhaupt einmal die Vielfältigkeit dessen in einem Text zu zeigen, was da ist. Ich bewerte sie nicht als Autorin, mein Erzähler kann das vielleicht tun, das ist bereits seine subjektive Sicht, der Text lebt davon und wird spannend und interessant, indem er durch Figuren und das Geschehen die verschiedensten Positionen verkörpert. ALBUM: Das gerichtliche Verbot der neuen Bücher von Maxim Biller und Alban Nikolai Herbst zeigt aber, dass selbst professionelle Rezensenten die Trennung Person-Autor nicht mehr machen. Draesner: Umso wichtiger, dass ich ihn dann mache. Es gibt ja professionelle Leser, die den Unterschied sehr genau kennen, ihn aber aus strategischen Gründen an einer bestimmten Stelle fallen lassen, um einen Skandal zu erzeugen. Das ist jedenfalls mein Eindruck, natürlich kann man anfangen, darüber zu diskutieren, was für eine Art Rolle, "Verantwortung" ich als Autor übernehme, wenn ich Figuren auftreten lasse, die diese und jene Position vertreten. Was würde zum Beispiel passieren, wenn ich heute ein Buch schriebe, in dem eine erfundene Figur, zum Beispiel ein alter Mann, also eindeutig nicht ich, eine mitreißende rechte Rede hält? ALBUM: Das ist eben die Frage. Die Auflösung der Grenze Autor-Figur schreitet sehr oft mit moralischen Ansprüchen einher. Draesner: In dem Moment, in dem Literatur anfangen würde, nur noch entlang der Linie dessen zu denken, was politisch korrekt ist, folgt sie vermeintlich guten Absichten - das kann es ja auch nicht sein. Wie moralisch ist es für mich als Autorin, der Gesellschaft moralisch zu folgen, ihre Tabus zu achten? Oder wäre es eine Aufgabe für mich als Autor, diese Tabus in Frage zu stellen, zum Beispiel durch die Themen, die ich aufgreife? Das sind Fragen, die von außen an den Autor herangetragen werden. Im Moment, in dem ich etwas schreibe, stellt sich die Frage nicht mehr, das hat wiederum mit diesem Punkt der Wahrhaftigkeit zu tun. Wenn ich mich bemühe, das aufzunehmen, was ich wahrnehme, was ich gesehen und erlebt habe, dann wird der Text sowieso über diese moralischen Grenzen und Tabus hinausgehen. Grond: Beim Schreiben handelt es sich um ein Ausloten. Ich tue mir leichter, das in einem sozialen Kontext zu beschreiben. Wenn wir vor 20 Jahren provoziert haben - und Provokation war ein ästhetisches Programm, zum Beispiel im Steirischen Herbst oder im Forum Stadtpark -, dann ging es immer darum, Kleinbürger zu provozieren und deren "falsche" Werte. Das hat unter anderem dazu geführt, dass man in den 70er-Jahren die Freiheit der Kunst auf einer politischen Ebene diskutiert hat. Die weitgehende Freiheit der Kunst, die wir heute genießen, ist das historische Verdienst von vielen Generationen, die dieses Recht erstritten haben. Da hat sich allerdings in den vergangenen 20 Jahren viel verändert. Es interessiert uns kaum mehr, warum jemand provoziert, zudem werden ja heute nicht mehr Kleinbürger provoziert, sondern Linksliberale, emanzipierte Menschen. An den deutschen Verbotsfällen sieht man, dass die Rechtseinschätzung immer auch von den Ansichten der literarischen Öffentlichkeit abhängig ist, es immer schon gewesen ist. Vielleicht sind die Juristen diesbezüglich klüger als die literarische Öffentlichkeit, weil sie sagen, das ist nicht nur eine Sache des Gesetzes, es geht auch darum, ob sich die literarische Öffentlichkeit darüber aufregt oder nicht. Wir sind gerade dabei, die Voraussetzungen unserer Freiheit zu verlieren, indem wir, weil wir diese Bücher nicht gut finden, dafür nicht mehr kämpfen. Draesner: Ich bin ja selbst ein gebranntes Kind in diesen Sachen, ich wurde wegen der Lichtpause von meiner Tante gerichtlich belangt, weil sie sich darin - zu Recht übrigens - wiedererkannte. Damals wurde mir erst klar, wie die rechtliche Situation in Deutschland aussieht. Da ist zunächst einmal das Grundgesetz, Artikel 5, Freiheit der Kunst, keine Zensur und so weiter. Dem steht der Persönlichkeitsschutz entgegen, und der hat sich in der aktuellen Rechtsprechung der vergangenen Jahre in Deutschland total verändert. Auch das hat mit dem Einfluss der Medien zu tun, in diesem Fall von Journalen und Zeitschriften wie der Bunten . Es gab mehrere Prozesse von Caroline von Monaco gegen Burda, im Zuge dieser Prozesse wurde der Persönlichkeitsschutz mit der Argumentation ausgedehnt, jeder Mensch sei so vielen Medien ausgesetzt, dass es nötig sei, Persönlichkeit und Privatraum zu schützen. Dieser Grundsatz gerät nun mit der Freiheit der Kunst in Konflikt. Grond: Und da kommt auf eine unglaubliche Weise Moral wieder zurück ins Spiel - und zwar die Moral der linksliberalen, emanzipierten Menschen, die sagen, das lasse ich mir nicht bieten. . . Draesner: ... dass über mein Leben einfach so bestimmt wird, indem es ein anderer einfach aufgreift in seinem Text. Grond: Das hat aber Literatur immer getan. Draesner: Richtig, und das Erschreckende ist, dass ein Roman wie Thomas Manns Buddenbrooks heute verboten würde. Damals gab es einen Prozess, den Mann gegen die Lübecker Bürger gewonnen hat. Es geht darum, welche Rolle die Gesellschaft der Literatur überhaupt zugestehen will. Wie viel davon ist Lippenbekenntnis? Rechte werden plötzlich ganz anders bewertet, und das geschieht in einem Medienumfeld. Nicht nur das Internet wirkt sich massiv auf die Literatur aus, im Moment ist es vor allem der Boulevardjournalismus, der extrem zurückwirkt. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.6.2004)