Das Klischee ist schnell beschrieben: Wer im Job unter Druck gerät oder ihn verliert, sich als Außenseiter der Gesellschaft fühlt und jeden Cent zählen muss, bevor er ihn ausgibt, ist leichte Beute für rechtspopulistische Parteien. Dass das so nicht stimmt, ist ein zentrales Ergebnis eines Forschungsprojektes, bei dem in acht europäischen Ländern - in Österreich vom Wissenschaftsministerium gefördert - der Zusammenhang zwischen individuellen Reaktionen auf den Wandel der Arbeitswelt und der Neigung der Menschen zu rechtspopulistischen und -extremen Parteien untersucht wurde.

Bei einer Konferenz kommende Woche in Wien werden die Ergebnisse präsentiert. 300 Tiefeninterviews wurden geführt, um Genaueres über die persönlichen Strategien im Umgang mit Schlagwörtern wie Liberalisierung und Flexibilisierung zu erfahren, sie mit politischen Vorlieben in Verbindung zu setzen. 5800 telefonische Befragungen vervollständigten ein Bild, das in seiner Differenziertheit auch Jörg Flecker, Projektkoordinator und Leiter der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt in Wien, überraschte: "Es stimmt einfach nicht, dass nur so genannte Modernisierungsverlierer anfällig für rechtspopulistische Politik sind."

Gewinner wie Verlierer würden auf diese Rhetorik ansprechen, allerdings aus unterschiedlichen Motiven: Die Verlierer erleben tatsächliche Verschlechterungen im Arbeitsleben, bekommen weniger Lohn oder werden gekündigt. "Wenn man ums Überleben kämpfen muss und sich allein gelassen fühlt, sieht man es natürlich nicht gerne, wenn andere scheinbar vom Staat versorgt werden", analysiert Flecker. Polemik gegen Asylwerber und "Sozialschmarotzer" falle da auf fruchtbaren Boden.

Die Gewinner hingegen sind beruflich aufgestiegen und identifizieren sich stark mit ihrem Unternehmen. Sie sind bereit, regelmäßig Überstunden zu machen und der Firma zumindest einen Teil des Privatlebens zu opfern. Bei ihnen trifft die Rhetorik von den "Anständigen und Tüchtigen" auf offene Ohren. Die Veränderungen im Arbeitsleben empfinden sie zwar grundsätzlich als positiv, ihnen machen aber der starke Druck und das Gefühl des ständigen Konkurrenzkampfs zu schaffen. Die Gewinner hegen oft Aggressionen gegen Gruppen, die sich ihrer Meinung nach zu wenig anstrengen. Ein Gefühl der Unsicherheit lasse Verlierer und Gewinner nach stabilen Ankerpunkten suchen, die sie oft, aber nicht immer in rechtspopulistischen und -extremen Parteien zu finden glauben. "Die Menschen suchen nach Figuren, die in ihren Augen Handlungsfähigkeit symbolisieren."

Wie Politik und Parteien generell mit dem Trend nach rechts umgehen könnten, dazu haben die Sozialwissenschafter einen Empfehlungskatalog ausgearbeitet. Ein Hauptpunkt: Tatsächlich existierende Probleme sollten nicht verleugnet, sondern anerkannt werden. "Gerade in Österreich wurden Schwierigkeiten, die etwa aus der Einwanderung entstanden sind, zu lange totgeschwiegen", meint Flecker. Auch die schlechten Arbeitsbedingungen in manchen Branchen müssten wieder zu einem öffentlichen Thema werden. Und Politiker sollten ihre Rhetorik prüfen: Denn oft muss die Globalisierung oder der Sparzwang weit über die realen Gegebenheiten als Ausrede herhalten, und die Gefühle der Unsicherheit werden durch politische Botschaften noch verstärkt. (ez/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12./13. 6. 2004)