Wien - Eine Frau und ein Film tanzen live auf der Bühne. Die Figuren, die auf den Laufbildern zu sehen sind, beobachten, was Milli Bitterli aufführt. Sie haben die Tänzerin in ihren Privatwohnungen empfangen. Sie kommuniziert nur durch Gesten und Körperzeichen. Ihre Gastgeber reagieren gespannt und amüsiert.

Sie scheinen aber nicht nur ihrer Besucherin zuzusehen, sondern auch aus dem Film zu blicken, auf das Publikum und auf Bitterli, wie sie vor der Projektion tanzt. In "Was bleibt von mir? Teil 2", das Milli Bitterli gemeinsam mit Jack Hauser entwickelt und im Künstlerhaustheater - gemeinsam Chris Harings "Legal Errorist" - vorgestellt hat, beweist die Choreografin Bestform. Film und Performance, private und öffentliche Aufführung fließen ineinander über. Dieses "Selbstportrait durch Begegnungen" zeigt die Tänzerin als Produkt ihrer Besuchstätigkeit und die Choreografin in ironischer Selbstbefragung. Aber letztlich geht es auch um das Publikum, um das Gastsein oder -geben im "Gastspiel" des Daseins.

Bei "Legal Errorist" von Chris Haring taucht eine Besucherin aus der Zukunft auf. Die Tänzerin Stephanie Cumming spielt eine Art Replikantin, die sich aus einem Gliederstapel entfaltet, hochfährt wie ein programmiertes Gerät, erst Geräusche, dann Wörter spuckt. Eine eruptive Glossolalie, die sich auf ihre Bewegungen überträgt. Unter ihrer Wellen schlagenden Bauchdecke scheint ein Fremdwesen auf seinen Ausbruch hinzuarbeiten.

Der Schatten der Tänzerin entwickelt ein Eigenleben. Sobald die "Erroristin" ins Stottern gerät, wird sie neu gestartet. In dieser Arbeit sucht Haring das alte Phantasma einer medialen Virtualität zu entmystifizieren und spielt stattdessen mit der virtuellen Medialität des Körpers in der Liveperformance. Cummings Replikantin ist wie die Doppelfigur Fred/Bob Arctor in Philip K. Dicks Roman "A Scanner Darkly" Junkie und Überwacher in einem. In dieser Partie erweist sie sich als brillante Tänzerin. (DER STANDARD, Printausgabe vom 14.6.2004)