Mit dem Jungen Theater Basel behauptet Regisseur Sebastian Nübling ein ästhetisch konsequentes Theater mit und für Jugendliche. Das Festwochen-Gastspiel "Reiher" ist ein weiteres gelungenes Beispiel dafür.


Wien - Im Arbeiterbezirk am Londoner East End schreibt man die spannenden Schulaufsätze nicht der guten Noten wegen, sondern zum Angstabbau. Billy Russel ist vierzehn Jahre alt, und seine DIN-A4-Hefte sind voll.

Vater Charlie brachte, weil er zufällig Zeuge war, die Mörder des Mädchens Rachel ins Gefängnis. Die "herzlichen Grüße" aus den Zellen bekommt postwendend vorerst Sohn Billy unterm freien Himmelszelt geliefert. Von Scott, dem Boss der Schulgang; sein Vater und sein Bruder sind es, die hinter Gittern sitzen.

Diese Geschichte, Titel: Reiher/Herons, hat sich der aus Manchester gebürtige Autor Simon Stephens (33) wohl nicht von ungefähr ausgedacht. Mittlerweile kennt er die meisten insularen Erstaufführungshäuser von innen.

Wo könnte dieses Stück kontinental wohl besser aufgehoben sein als beim Jungen Theater Basel, mit dem Regisseur Sebastian Nübling seit einigen Jahren ästhetisch konsequent ein Theater mit und für Jugendliche behauptet. Als Koproduktion mit den Wiener Festwochen beschließt Nübling, der hiermit zum dritten Mal in diesem Rahmen gastiert, die Schiene forumfestwochenff.

Nübling hat das Stück herabgeputzt auf die rohen Konstellationen, befreit von sozialdramatischer Geöltheit. Der simple schwarze Bühnenblock (eine Unterführung, Bühne: Muriel Gerstner) wirkt wie ein Säulengang, wie ein Forum, zeit- und ortlos. An solchen Plätzen ist es egal, ob Tag ist oder Nacht. Sie gelten immer, funktionieren immer, nach den Gesetzen, die eben jemand gerade aufgestellt hat.


Sonderbare Gehilfen

Hier bewegt der Halbstarke Scott (Julian Kestler) seinen in der silbrigen Bomberjacke versteckten Körper breitbeinig an der Front seiner Zwei-Mann-Armada mittig nach vorne. Er spricht prinzipiell nur mit dem Rücken zum Opfer (Billy), ein Bein zittert ebenfalls prinzipiell. Die sonderbaren Gehilfen Aaran und Darren (Jonas Schmid, Raphael Brunner) fauchen Mineralwasser, spielen brutale Kopfballspiele und zwangsonanieren in regelmäßigen Abständen - direkt proportional zu ihrer Unterlegenheit, dem Boss wie den Mädchen gegenüber.

Zum Beispiel Adele (Mia Sanchez), eine Freundin des Mordopfers Rachel, und eine, die sich auf liebevoll trotzige Art für Billy interessiert. Schön, wie sie die zerknüllten Blätter seiner Hefte aufklaubt und liest. Nübling hat sehr genaue Figuren entworfen, er hat die jugendlichen Darsteller alles spielen lassen, um ihnen dann wieder alles zu nehmen. Mit diesem Nichts arbeiten sie auf der Bühne.

Vom Oberdeck wirft die gnädig heranspazierte Mutter Billys einmal beiläufig Orangenschalen herab - für mehr Vitamine und Fruchtgenuss ihres Sprosses!
Mehr Zuwendung zeigt Vater Charlie (Sebastian Röhrle); er versucht es nach Art der Vorabendsoaps mit "Alles klar bei dir?" - Besser als nichts!

Zum Glück hat dieser hagere Lockenschopf Billy, den Nico Grüninger ganz uneigennützig und richtig bezaubernd spielt, letztlich mehr Pulver und mehr Mumm als die gesamte Boygroup . . .

Wer des Schweizerdeutschen nicht mächtig ist, ist leider überwiegend auf die prosaische absatzweise Zusammenfassung am Übersetzungsband angewiesen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 14.6.2004)