Brüssel/Prag - Wegen des geringen Interesses der neuen EU-Bürger ist die Beteiligung an den Europawahlen auf einen historischen Tiefstand gesunken. Laut Hochrechnungen des Meinungsforschungsinstitutes EOS Gallup, die in Brüssel veröffentlicht wurden, gingen nur 44,6 Prozent der EU-Wähler zur Wahl. 1999 waren es noch 49,8 Prozent gewesen. Vor allem in den mittel- und osteuropäischen Beitrittsstaaten war das Desinteresse extrem, während die Beteiligung in den alten EU-Ländern relativ stabil war. In Österreich lag sie mit 41,8 Prozent ebenfalls unter dem Wert von 1999 (49,4).

Neues Europa drückt den Schnitt

Laut EOS Gallup gingen in den zehn zum 1. Mai beigetretenen Ländern bis 20.00 Uhr nur 28,7 Prozent der Wahlberechtigten zu den Urnen. In Polen waren es vier Stunden vor Schließung der Wahllokale nur 15,4 Prozent. Der deutschsprachige polnische Abgeordnete Henry Kroll sprach von einer "roten Karte für Polens Politiker". Im eigentlich als EU-freundlich bekannten Slowenien gingen rund 20 Prozent zu den Urnen. Nur die Inselstaaten Malta und Zypern widerstanden dem Trend. In Malta gingen 82 Prozent zu den Urnen, in Zypern, wo Wahlpflicht herrscht, waren es 70,4 Prozent. In Polen und der Slowakei waren die Wahllokale noch bis 22.00 Uhr geöffnet.

Schmerzliche Reformen

Die zahlreichen Appelle der politischen Führung in den Staaten Osteuropas, sich an der ersten Europawahl massiv zu beteiligen, verhallten offenbar ungehört. Experten führen die Wahlmüdigkeit unter anderem darauf zurück, dass den neuen EU-Bürgern mit ihrem Beitritt zur Europäischen Union eine ganze Reihe schmerzlicher Reformen auferlegt wurden. "Die Europawahlen sind etwas sehr Neues", sagte der tschechische Politikwissenschaftler Bohumil Dolezal. "Die Tschechen zum Beispiel sind nicht gegen die Europäische Union und ihre Institutionen. Aber sie halten das EU-Parlament nicht für besonders wichtig."

Wieder mehr Interesse in der herkömmlichen EU

In den alten EU-Staaten schien der Trend zur Enthaltung hingegen gebremst. Insgesamt beteiligten sich dort bis 20.00 Uhr mit 47,7 Prozent etwas mehr Bürger als im Schnitt aller 25 Mitgliedsstaaten. In Deutschland gingen laut ARD 40,4 Prozent zur Wahl, laut ZDF beteiligten sich 43,6 Prozent. Bei der vorigen Europawahl waren es rund 45 Prozent gewesen.

In Dänemark, Finnland, Großbritannien und Irland gingen vorläufigen Angaben zufolge mehr Menschen zur Europawahl als 1999. In Finnland war die Beteiligung mit 41,1 Prozent höher als erwartet. Vor fünf Jahren betrug sie lediglich 31,4 Prozent. In Italien, wo die Wahllokale noch bis 22.00 Uhr geöffnet waren, lag die Beteiligung um 19.00 Uhr bei 58,9 Prozent. 1999 hatten sich dort insgesamt 70,8 Prozent beteiligt.

Siegreiche Kraft "Wahlenthaltung"

In Portugal gingen zwischen 36 und 38 Prozent zu den Urnen, etwas weniger als 1999. "Wahlenthaltung ist die siegreiche Kraft bei diesen Europawahlen", sagte der Sprecher der portugiesischen Regierungskoalition. In Spanien lag die Beteiligung mit 33,9 Prozent auch deutlich unter dem Wert von 50 Prozent bei der Europawahl im Jahr 1999. (APA/AFP/dpa)