Die Deutschen sind tonangebend im EU-Parlament. Sie stellen nicht nur mit 99 Abgeordneten die meisten Mandatare, mit großem Abstand gefolgt von Frankreich, Großbritannien und Italien mit jeweils 78. Die Mandatszahl blieb auch gleich, während andere Länder wie Österreich durch die EU-Erweiterung weniger Abgeordnete in das Straßburger Forum entsenden dürfen als noch 1999.

Es sind Deutsche auch bald an der Spitze von drei Fraktionen: Hans-Gert Pöttering führte schon bisher die größte Fraktion im EU-Parlament, die Europäische Volkspartei. Er dürfte in dieser Funktion bleiben, falls er nicht Parlamentspräsident wird. Auch Daniel Cohn-Bendit dürfte die grüne Fraktion weiter führen. Der in Frankreich geborene Deutsche kandidierte diesmal für die deutschen Grünen, nachdem er 1999 noch für die französischen Parteifreunde angetreten war.

Anfang Juli wird die Fraktionsführung der Sozialdemokraten neu gewählt. Bisher ist der Deutsche Martin Schulz einziger Kandidat. Sein Name geriet europaweit im Vorjahr in die Schlagzeilen, als ihm Italiens Premierminister Silvio Berlusconi im EU-Parlament eine Rolle als KZ-Aufseher in einem Film antrug. Dass er nur wegen der Berlusconi-Beschimpfung bekannt sei, kommentiert Schulz selbst lakonisch: "Na immerhin."

In der deutschen Öffentlichkeit ist Schulz tatsächlich bekannter als der biedere CDU-Mann Pöttering, mit dessen Namen nur Eingeweihte etwas anzufangen wissen. Der Grüne Cohn-Bendit ist dagegen seit der 68er-Revolution ein auch über Deutschland hinaus bekannter Hans-Dampf-in-allen-Gassen.

Die deutschen Abgeordneten halten auch häufig zusammen - parteiübergreifend. Weder in der Brüsseler Kommission noch im Ministerrat kann der größte Mitgliedstaat zahlenmäßig so viel Einfluß mobilisieren wie im EU-Parlament. So schaffte es Bundeskanzler Gerhard Schröder 2001 nicht, im Kreise der Staats- und Regierungschefs die nötige Unterstützung zu bekommen, um ein Gesetzeswerk zu stoppen, das deutsche Konzerne zum Objekt von Großkonzernen gemacht hätte.

Dies verhinderten mit vereinter Kraft die deutschen Parlamentarier. 98 der 99 deutschen EU-Parlamentarier stimmten gegen die EU-Richtlinie zur erleichterten feindlichen Übernahme von Unternehmen. Die deutschen Abgeordneten hatten es auch geschafft, in ihren Fraktionen genügend Verbündete zu finden, um dieses Projekt zu Fall zu bringen. Sie lieferten damit einen Beweis für die gestiegene Macht des EU-Parlaments. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 14.6.2004)