Paris/London/Rom/Kopenhagen - Die konservative französische Tageszeitung Le Figaro kommentiert am Montag die innen- und europapolitischen Konsequenzen der Wahlen zum EU-Parlament: "Das Abschneiden der französischen UMP-Regierungspartei von Präsident Jacques Chirac bei den Regional- und den Europawahlen wirft die Frage auf, wie die Regierungsmehrheit denn organisiert werden soll. Über alle Ergebnisse der jeweiligen Parteien hinaus gibt es am Morgen danach jedoch auch eine Fülle von anderen Fragen. Und das in jedem einzelnen Land. Welches Europa wollen wir? Und welchen Platz will der jeweilige Staat darin einnehmen? Um die Rolle zu spielen, die es beansprucht, muss Frankreich es wagen, die Frage nach der aktuellen Konstruktion Europas zu stellen." Die linksliberale französische Tageszeitung Liberation, Paris zum selben Thema: "In Frankreich ist die Sozialistische Partei der einzige wirkliche Wahlsieger. Die Partei steht nach den Wahlerfolgen dieses Jahres von neuem für einen Wechsel bereit. Bei der Europawahl sind der pathetische Autismus von Staatspräsident Jacques Chirac und sein systematisches doppeltes Spiel vom Wähler ein weiteres Mal bestraft worden. Weil er aus keinem Wahlergebnis irgendeine Konsequenz ziehen will, ist der Staatschef also dabei, den Akt des Wählens selbst zu unterhöhlen. Chirac gräbt sich eigenhändig das Wasser ab - als eine politisch tragische Gestalt ist er immer sein eigener Totengräber."

Zum Wahlerfolg der britischen Anti-EU-Partei UK Independence Party schreibt am Montag die Boulevardzeitung The Sun (London):

"Zeigen die Europawahlen, dass in der britischen Politik eine neue extremistische Kraft aufgetaucht ist? Nein. Das überwältigende Votum für die UK Independence Party zeigt nur, was Tony Blair einfach nicht wahrhaben will: Wir wollen nicht noch europäischer werden. Die Leute wollen keinen Euro und sie wollen auch keine Verfassung. Der Premierminister muss jetzt einsehen, dass er die europäische Einigung nicht weiter vorantreiben kann - es sei denn, er will politischen Selbstmord verüben. Die Sun stimmt nicht mit der Forderung der UK Independence Party überein, dass wir aus der EU austreten sollten. Aber was sich nicht bestreiten lässt, ist: Ihre Stimmen haben die Politik wieder einmal grundlegend verändert." Die konservative The Daily Telegraph: "Am Freitag geht der Premierminister wieder ins Ausland, diesmal nach Brüssel, wo er sich entscheiden muss, ob er der europäischen Verfassung zustimmt. Es wäre sehr angenehm für ihn, wenn ein anderer Staat den Gipfel torpedieren würde: Dann hätte er die Konservativen brillant ausgespielt, indem er ein Referendum (über die Verfassung) versprochen hätte, aber keines abhalten müsste. Doch dieses Szenario erscheint unwahrscheinlich. Wenn Blair die Verfassung blockieren will, dann wird er wohl selbst dagegen stimmen müssen. Die gestrigen Ergebnisse zeigen deutlich, dass er kein Mandat hat, um die Verfassung anzunehmen. Zum ersten Mal ist Blair - um seine eigene Formulierung zu benutzen - eine "Belastung" für seine Partei." (APA/dpa)