In der langen Europawahlnacht drängten sich in Brüssel Abgeordnete im Europaparlament. Beäugten neugierig bei den Fraktionsständen die Hochrechnungen, gaben Kommentare ab. Nirgendwo war aber der Andrang größer als bei einem Spezialstand: dem, der das Fußballmatch England gegen Frankreich zeigte. Da fragte sich ein belgischer Abgeordneter nicht ohne Selbstkritik: "Warum sollen sich Europas Bürger für die Wahl interessieren, wenn wir selbst Fußball schauen?"

Die meisten anderen Abgeordneten fragten sich allgemeiner, warum die Wahlbeteiligung auf einen neuen Tiefststand gesunken ist. Mit rund 45 Prozent haben nicht einmal die Hälfte der EU-Bürger gewählt, in den neuen Mitgliedstaaten überhaupt nicht einmal ein Drittel. Damit ist die Wahlbeteiligung auf einen Minusrekord abgesackt. Oder auf amerikanische oder Schweizer Verhältnisse gekommen.

Bei Präsidentschaftswahlen geben in den USA selten mehr als 50 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme für einen Kandidaten ab, bei kleineren Wahlen sind es noch viel weniger. In der Schweiz, die Bürgern besonders viel Mitsprache einräumt, nimmt gewöhnlich rund ein Drittel der Stimmberechtigten an Volksabstimmungen teil. Und niemand käme auf die Idee, ernsthaft an der Legitimität der Urnengänge zu zweifeln.

Auch manche andere Fragen werden nur nach Europawahlen gestellt - etwa die, warum so viele Europaparlamentarier bei ihren Wählern unbekannt sind. Gegenfrage: Wie viele der 183 Nationalratsabgeordneten kennt der Durchschnittsösterreicher? Wahrscheinlich ungefähr genauso viele, wie der Durchschnittsamerikaner Kongressabgeordnete kennt. Die erweiterte EU ist größer als die USA. Und mit der Wahlbeteiligung auf amerikanischem Niveau. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2004)