Kultur- und Eventveranstalter, die heute mit Auslastungszahlen punkten wollen, verfallen oft auf einen eher saloppen Trick: Man verkleinert kurzerhand die Räume. Das heißt: Ein "ausverkauftes" Konzert oder eine Aufführung findet vor vollem Auditorium statt, aber das Auditorium wurde schon im Vorfeld dem mangelnden Publikumsinteresse "angepasst".

An solche "Anpassungen" fühlt man sich erinnert, wenn nach diesen EU-Wahlen manche Parteien allen Ernstes einen prozentuellen Anstieg der Wähleranteile oder gar Triumphe bejubeln, was umgesetzt auf die Tatsache, dass die Mehrheit der Leute nicht gewählt hat, schon etwas weniger begeisternd anmutet. Kein Wunder: Nachdem die plärrenden Megafone der Wahlstrategen bis in den tiefsten Boulevard Sympathien und Ressentiments strapazierten, hält man an der alten Nummer fest. Die Ressentiments werden kleinlicher, die Schlagzeilen größer, die Slogans griffiger. Seltsam nur, dass das Gros der Bevölkerung, derart geschult, möglicherweise mehr Anteilnahme für die Zukunft von David Beckham bekundet als für jene Europas.

Einmal mehr scheinen jene Soziologen und Politologen bestätigt, die schon in den 60er- und 70er-Jahren sich verändernde "Maßverhältnisse des Politischen" (siehe Oskar Negt und Alexander Kluge) zuallererst auf der Ebene der Medienpolitik analysierten. Wie will man denn tatsächlich mit zunehmend gleichförmigem Lärmen zunehmend vielfältige und komplexe Strukturen vermitteln? Auch für diese mangelnde Einsicht in eine Notwendigkeit einer vielstimmigen Kommunikation zwischen Öffentlichkeit und Erfahrung wurde am Sonntag wieder die Rechnung präsentiert. Dies zu leugnen und stattdessen für immer kleinere Resonanzräume immer größere Erfolge zu behaupten zeugt auf Dauer von fataler Fahrlässigkeit. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.6.2004)