Microsoft auf dem Linuxtag : Der Lieblingsfeind der Open-Source-Szene ist im zehnten Jahr dieser zentralen Veranstaltung rund um das freie Betriebssystem zum ersten Mal mit einem eigenen Stand dabei. Aber auch in der Computerwelt wird das Blockdenken langsam überwunden, die alten Feindbilder greifen nicht mehr. "Es war immer die Politik des Linuxtags, den Besuchern eine möglichst breite Auswahl der Konzepte, Produkte und Leistungen vorzustellen", sagt Linuxtag-Sprecher Andreas Gebhard zum Auftritt des neuen Teilnehmers.

"Ich sehe keinen substanziellen Unterschied zur Linuxtag-Präsenz von anderen proprietären Anbietern"

Eine Woche vor der Konferenz- und Messeveranstaltung in Karlsruhe hält sich die Aufregung über die Microsoft-Premiere in engen Grenzen. In den einschlägigen Newsgroups löst die Nachricht nur eine lockere Diskussion über die möglichen Beweggründe des Konzerns aus. "Ich sehe keinen substanziellen Unterschied zur Linuxtag-Präsenz von anderen proprietären Anbietern", sagt der Sprecher der Free Software Foundation Europe, Joachim Jakobs, der dies aber nur als private Meinung verstanden wissen möchte. Microsoft habe offenbar festgestellt, "dass man sich der Entwicklung zu freier Software auf Dauer nicht widersetzen kann".

"Wir wollen ganz unideologisch die eigenen Angebote zeigen"

Microsoft selbst geht seine Premiere als einer von mehr als 150 Ausstellern auf dem Linuxtag gelassen an. "Wir wollen ganz unideologisch die eigenen Angebote zeigen", sagt Firmensprecher Thomas Baumgärtner. Von den Microsoft-Kunden habe es immer wieder den Wunsch nach Lösungen gegeben, wie die Microsoft-Plattform mit der Unix/Linux-Welt verbunden werden könne. "Es passt nicht in die aktuelle Entwicklung, die IT-Welten weiter voneinander abzuschotten", erklärt Baumgärtner.

"Services für Unix"

Auf dem zwölf Quadratmeter großen Stand im Messe- und Kongresszentrum Karlsruhe zeigt Microsoft technische Lösungen, die schon jetzt die Grenzen zwischen den Betriebssystemen sprengen. Dazu gehören der Web-Standard XML für den Austausch von Daten aller Arten über das Internet, die darauf aufbauenden "Web-Services" für verteilte Anwendungen aller Art und die .NET-Entwicklertechnik für das Programmieren von plattformunabhängigen Anwendungen. Die von Microsoft entwickelten "Services für Unix", eine Reihe von Werkzeugen für die Nutzung von Unix-Funktionen auf einem Windows-Rechner, werden ebenfalls vorgestellt und seit diesem Jahr kostenlos abgegeben.

Zu der neuen Offenheit passt auch das Angebot der Freiburger Firma Jedox, die auf dem Linuxtag eine Server-Software unter Linux für Anwendungen mit Microsoft Excel vorstellt. Damit ist es möglich, Analyse- und Berechnungsmodelle mit Excel über den Web-Browser mehreren Anwendern zur Verfügung zu stellen - ohne dass auf deren Rechner Excel installiert sein muss.

Hauptvertreter proprietärer Lizenzmodelle

"Microsoft ist zwar bis dato allgemein eher als der Hauptvertreter proprietärer Lizenzmodelle bekannt", erklärt Linuxtag-Sprecher Gebhard und macht damit den Hauptunterschied zur freien Software deutlich, deren Quellcode für alle Augen offen ist und von jedermann weiterentwickelt werden kann. Doch habe Microsoft in jüngster Vergangenheit selbst damit begonnen, einzelne Produkte und Entwicklertools unter eine quelloffene Lizenz zu stellen. Es sei ein positives Signal, dass Microsoft den Dialog suche.

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen weniger die Angebote des Windows-Unternehmens aus Redmond, als vielmehr die zahlreichen freien Software-Entwickler. Neben etablierten Projekten wie Debian, KDE, GNOME und OpenOffice zeigen auch junge Gruppen ihre Arbeit, die sich zum Beispiel die Nutzung von Linux als Multimedia- oder Spielesystem zum Ziel gesetzt haben.

Schwerpunkt

Ein inhaltlicher Schwerpunkt des Linuxtags vom 23. bis 26. Juni soll das Thema Mail und Spam-Abwehr sein. Eröffnet werden Messe und Kongress von Staatssekretärin Ute Vogt aus dem Bundesinnenministerium, das auch die Schirmherrschaft übernommen hat. Erstmals finden in diesem Jahr auf dem Linuxtag Tutorien statt, in denen die Teilnehmer einen tieferen Einblick in ein einzelnes Projekt und Themen bekommen. Aber auch die rechtlichen und sozialen Aspekte Freier Software sind ein durchgehendes Thema der Vortragsveranstaltungen.(APA)