Warschau - Wie die Zentrale Wahlkommission in Polen (PKW) nach Auszählung aller Wahlkreise am Dienstag Vormittag mitgeteilt hat, haben bloß 20,87 Prozent der Wahlberechtigten (fast 27 Millionen) in dem neuen EU-Mitgliedsland an den Wahlen für das Europäische Parlament teilgenommen. Die Wahlen gewann demnach die Bürgerplattform (PO) mit 24,1 Prozent der Stimmen. Den zweiten Platz eroberte überraschend die Polnische Familienliga (LPR) mit 15,92 Prozent.

Danach kommen die Parteien bzw. Gruppierungen Recht und Gerechtigkeit (PiS, 12,67 Prozent), Selbstverteidigung (Samoobrona, 10,78 Prozent), die Koalition des Demokratischen Linksbündnisses und der Arbeitsunion (SLD-UP, 9,35 Prozent) sowie die Freiheitsunion (UW, 7,33 Prozent), die Polnische Volkspartei (PSL, 6,34 Prozent) sowie die Sozialdemokratie Polen (SdPl, 5,33 Prozent).

Auf der Basis dieses Ergebnisses wird PO im Europäischen Parlament von 15 Abgeordneten, LPR von zehn, PiS von sieben, Samoobrona von sechs, SLD/UP von fünf, UW und PSL von jeweils vier und SdPl von drei Parlamentariern repräsentiert.

54-köpfige polnische Delegation

Die 54-köpfige polnische Delegation - sie wird demnächst erstmals in Straßburg und Brüssel tagen - reflektiert nach Expertenmeinung nicht sosehr die eigentliche Einstellung der Polen gegenüber Europa, sondern sei vielmehr als Zeichen des Protestes gegenüber der politischen Situation in der Regierung zu interpretieren. "Die Polen haben nicht Europa den Rücken gekehrt, sondern den Regierenden bei sich zu Hause", meint etwa Roman Gutkowski, Politologe und Chefredakteur der unabhängigen EP-Wahl-Homepage ( http://www.eurowybory.pl ). Seiner Meinung nach könne keine von den Parteien von einem Sieg sprechen, alle hätten in absoluten Zahlen gesehen eine geringere Unterstützung bekommen als bei den Parlamentswahlen 2001.

Ewa Skotnicka-Illasiewicz, Soziologin an der der Polnischen Akademie der Wissenschaften (PAN), unterstreicht im Gespräch mit der APA, dass die EU-Wahlen in Polen sehr stark politisiert worden seien. Die Kandidaten hätten sie zumeist als innenpolitisch intendierte Vorwahlen zum polnischen Parlament betrachtet. "Lasst uns nicht übertreiben, wir hatten es mit einem sehr unglücklichen Zufall zu tun: In der Europäischen Union sind wir erst seit sechs Wochen, und im Lande erleben wir gleichzeitig ein einziges, großes politisches Chaos. Dazu kam noch das verlängerte Fronleichnams-Wochenende und sonniges Wetter", kommentierte die Soziologin das Wahlergebnis. (APA)