Theodor Storm hat in der Aula Lesungen abgehalten, nebenan im Klassenzimmertrakt drückten die Kinder des großen deutschen Novellisten die Schulbank, einer ihrer Lehrer war der Literaturnobelpreisträger Rudolf Eucken. Ein historisches Haus, das „Alte Gymnasium“ in der nordfriesischen Kreishauptstadt Husum. Als Schule 1993 geschlossen, als Fünf-Sterne-Hotel im Frühjahr 1996 eröffnet, gilt es heute als die beste Adresse von Schleswig-Holstein.

Vom ehemaligen Schüler (in den 30er Jahren) zum Schulbesitzer: Johann Max Böttcher, 77 Jahre, Immobilienkaufmann und Hotelier in Hamburg, hat sich einen Bubentraum erfüllt. Die Schulzeit des gebürtigen Husumers muß erinnerungswürdig gewesen sein, so viel Liebe zum Haus und zum Detail verrät die um fast 300 Mio. Schilling vollzogene Verwandlung der 1866 im soliden neogotischen Backsteinstil erbauten Schule zum First-Class-Hotel. Die ehemaligen Klassen sind zu 75 geräumigen Doppelzimmern und Suiten umgebaut worden, die einstige Aula beherbergt die Hotel-Lobby, der Schulhof, glasüberdacht, dient als Hotelrestaurant „Wintergarten“. Der Karzer hat seinen Namen beibehalten, nicht aber die Funktion: In der „Karzer-Bar“ sitzt man gerne nach und läßt sich die Cocktails mixen. Küchenchef Christoph Schulte-Vieting vom Abendrestaurant „Eucken“ kocht sich zielstrebig der Behaubung entgegen – mit Schwerpunkt auf Fisch- und Lammgerichten, liegt doch die Nordsee vor der Haustür und grasen die Schafherden auf den Deichen und Salzwiesen am Rande des Wattenmeeres.

Die hellen luftigen Zimmer mit – unkitschig – auf alt getrimmtem neuen Mobiliar samt imitierten Holzwurm-Löchern und extralangen Betten (2,10 m) im norddeutschen Gardemaß verraten ebenso den Stil des Besitzers wie der 1000 m² große Wellness-Bereich, der sich dort erstreckt, wo einst die Turnhalle und die Freiluftsportanlagen waren.

Wie es einem ehemaligen humanistischen Gymnasium ziemt, ist das Schwimmbecken einem pompejanischen Bade nachempfunden, mit der Bucht von Neapel als Wandgemälde und römischen Säulen als Stütze für die Galerie, auf der die üblichen Lateiner-Sprüche die mens sana und den corpus sanum beschwören. Die Sauna wäre geräumig genug für peripatetische Philosophenspaziergänge, und die Geräte im Fitneßraum hat der Hotelier persönlich getestet. Bedeutete doch das Wort gymnasion im alten Griechenland nichts anderes als eine Stätte der körperlichen Ertüchtigung. Und mit seinen Veranstaltungs- und Konferenzräumlichkeiten hat sich das „Alte Gymnasium“ in Rekordgeschwindigkeit auch als begehrte Attraktion im Busineß-Tourismus etabliert.

Hotel „Altes Gymnasium“,

Tel: (004948) 41 8 33–0

© 1997 DER STANDARD, Samstag/Sonntag, 30./31. August 1997