Lyon – Der langwierigen Genehmigungsverfahren in Österreich überdrüssig überlegt der Verbundkonzern nun den Bau eines Gaskraftwerkes in Slowenien. "Wir gehen davon aus, dass wir dort rascher eine Lizenz bekommen und früher bauen können als in Österreich", sagte Verbund–Chef Hans Haider am Rande der Jahrestagung der Interessenvertretung der europäischen E-Wirtschaft Eurelectric in Lyon. Derzeit sei man dabei, mehrere Standorte zu prüfen.

Der Reiz an Slowenien

Gedacht wird an ein 800 Megawatt-Kraftwerk, das somit gleich groß sein würde wie das in Mellach bei Graz geplante, aber noch alles andere als fixe Gaskraftwerk. Der Reiz von Slowenien bestehe darin, dass das Land derzeit Nettoimporteur von Strom sei, die Genehmigungsverfahren kürzer und die erzielbaren Margen wahrscheinlich höher seien als in Österreich, sagte Haider.

Weil die Stromleitungen zwischen Slowenien und Österreich groß genug bemessen seien, könnte man außerdem bei Bedarf Strom in den Süden Österreichs liefern. Wegen Fehlens einer Starkstromverbindung von Nord nach Süd, über die elektrische Energie von den Kraftwerken an der Donau nach Kärnten und in die Steiermark geschickt werden könnte, wäre der Stromimport aus Slowenien eine Alternative.

Behördlicher Papierkram

"Seit 30 Jahren bemühen wir um die Schließung des 380 kV–Rings in Österreich", sagte Haider. 28 Ordner in 84facher Ausfertigung habe man zur Behördenprüfung ausliefern müssen. Gefruchtet habe das Ganze bisher nichts. "Nichts ist mobiler als Kapital," sagte Haider. "Wenn man uns in Österreich nicht investieren lässt, investieren wir eben anderswo." Eine Entscheidung, ob das 400 Mio. Euro teure Gaskraftwerk Mellach tatsächlich gebaut wird, soll 2006 fallen.

Voraussetzung sei, dass die Strom-Großhandelspreise von derzeit knapp 3,5 Cents je Kilowattstunde auf rund vier Cents klettern und damit die Vollkosten des Kraftwerks decken. "Wir werden nichts bauen, wo wir Geld verlieren," sagte Haider. Energieexperten jedenfalls gehen davon aus, dass die Strompreise in den kommenden drei bis fünf Jahren wegen sich abzeichnender Engpässe und zu erwartenden höheren Gaspreisen um 20 bis 50 Prozent steigen werden.

Ein Überangebot an Kraftwerkskapazitäten könnten die Preise in der Folge wieder nach unten drücken. (DER STANDARD Printausgabe 15.06.2005)