Die EU-Wahlen haben gezeigt: Die ÖVP verliert in den Städten ihre Basis immer mehr an die Grünen. In Wien soll nun Johannes Hahn als geschäftsführendem Parteichef gelingen, was Kanzler Wolfgang Schüssel schon 1995 als Parole ausgab: die Rückeroberung der Städte.

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Wien - So schnell kann man gar nicht schauen, war Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat nach dem Ministerrat über die Prunkstiege aus dem Bundeskanzleramt ins Freie hinausgehuscht. "Wien?" ruft sie nach, "Nein danke!" Auch Wirtschaftsminister Martin Bartenstein, ansonsten um einen guten Rat nicht verlegen, will zum Zustand der Stadtpartei in der Bundeshauptstadt nichts sagen. "Ich bin Steirer." Und das klingt, auch wenn es der steirischen ÖVP auch schon besser ging, sogar richtig stolz.

Wortmeldungen zur Wiener ÖVP will dieser Tage niemand gern spenden - und das nicht ohne Grund. Denn die EU-Wahlen haben bestätigt, was interne Umfragen der Kanzlerpartei schon lange zeigen. Die ÖVP ist in den Städten auf dem besten Weg, von den Grünen überrundet zu werden. Die Grünen haben sich spätestens mit den EU-Wahlen zur besseren bürgerlichen Urbanpartei entwickelt.

Immer öfter gilt: Familienvater wählt ÖVP, Mutter und Kinder wählen Grün. "Die Attraktivität der ÖVP ist für Kinder aus bürgerlichen Familien einfach zu gering", meint Ferry Maier, Raiffeisen-Generalsekretär und Nationalratsabgeordnete aus Wien, "das hängt ursächlich mit Personen, Programmen und politischen Inhalten zusammen."

Konsensualer Wechsel

Und genau um diese ringt die Wiener ÖVP seit Monaten. Recherchen des STANDARDs zufolge steht nun eine sanfte Personalrochade an der Parteispitze kurz bevor.

Donnerstag diese Woche will Wiens ÖVP-Obmann Alfred Finz bei einem informellen Vorbereitungstreffen mit seinen Bezirksobmännern für den Parteivorstand Ende Juni Stadtrat Johannes Hahn als geschäftsführenden Parteiobmann vorschlagen.

Am 24. Juni soll Hahn dann offiziell gewählt werden. "Es wird eine konsensuale Lösung geben", bestätigt Hahn dem STANDARD. Finz kündigt nur an, dass der Parteivorstand "ganz normal wie alle anderen Sitzungen ablaufen wird" und verweist darauf, das es "dumm" wäre, nicht für seine Nachfolge zu sorgen.

Die nun bevorstehende Rochade wurden in der Parteispitze der Stadtpartei schon vor Wochen vorausgeplant, das miserable Abschneiden bei den EU-Wahlen hat die schrittweise Übergabe der Geschäfte weiter beschleunigt.

"Es muss rasch ein Weg gefunden werden. Spitzenkandidat soll Hahn sein", legt sich auch Wiens VP-Klubchef Matthias Tschirf fest. Über eine mögliche Geschäftsaufteilung will er nicht reden. Auch Tschirf geht davon aus, dass es "eine konsensuale Lösung geben wird."

Existenziell bedroht

Schon Anfang des Jahres hatte Finz angekündigt, dass er bei den Wiener Wahlen 2006 nicht selbst als Spitzenkandidat antreten will. An seiner Stelle wolle er den kürzlich zum nicht amtsführenden VP-Stadtrat gekürten Hahn (46) ins Rennen schicken. Erst selbst wolle aber Wiener Landesparteichef bleiben, forderte er damals.

Mit dem Beschluss, Johannes Hahn als geschäftsführenden Obmann zu installieren, könnten wohl aber auch jene Kritiker innerhalb der Wiener ÖVP fürs erste beruhigt werden, die auf einen echten Machtwechsel gedrängt haben.

Und dieser ist nach Meinung aller Beteiligten überfällig. "Die Stadt ist immer der Vorreiter jeder gesellschaftlichen Entwicklung", analysiert Erhard Busek, der die Wiener ÖVP als Stadtparteiobmann in den achtziger Jahren zur modernen, auch ökologisch bewegten Stadtpartei ummodeln wollten, "das heißt, die Entwicklung in Wien ist eine existenzielle Bedrohung für die ÖVP".

In Wahrheit, so Busek, ist die Wiener ÖVP auf dem Stand des Jahres 1989 stehen geblieben. Damals wurde er - und damit auch seine Ideen für eine "bunte" Stadtpartei - begraben. "Inzwischen gibt es eine junge bürgerliche Schicht, die sehr qualitativ an die Politik herangeht. Für dieses Klientel hat die ÖVP weder die Programme noch die Personen." Buseks selbstkritisches Fazit: "Die Grünen haben diese Lücke gefüllt. Sie sind zur besseren urbanen Partei geworden."

So haben sich die Busek-Slogans aus den Achtzigerjahren auf kuriose Weise erfüllt - wenn auch nicht im Sinne ihres Erfinders. "Wo er hintritt, wächst Grün" lauteten sie beispielsweise damals.

Heute sind die Grünen nach dem EU-Wahlergebnis zweitstärkste Kraft in Wien und stärkste Partei in den fünf Innenstadt-Bezirken Wieden, Mariahilf, Josefstadt, Alsergrund und Neubau. Wie sehr der Vormarsch der Grünen ein urbanes Phänomen ist, zeigen ähnlich gute Wahlergebnisse in den Landeshauptstädten. Und immer sind es die jungen, akademisch geprägten Vierteln, in denen die Ökos voran sind.

Als Wolfgang Schüssel im Jahr 1995 ÖVP-Parteichef wurde, nannte er die "Rückeroberung der Städte" als sein vorrangiges Ziel. Nach dem Ministerrat am Dienstag (fast zehn Jahre später) versprühte er einmal mehr Zuversicht. In anderen Städten habe die Volkspartei vorgezeigt, dass bessere Ergebnisse möglich seien: "Die Frage ist, wie man die Arbeit in Wien optimiert." Selbsthypnotischer Nachsatz: "Also, es geht." (Peter Mayr/Barbara Tóth/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2004)