Wien - In den USA kursiert die Zinsangst. Geschürt wird sie von den neuesten Verbraucherpreisen, die für Mai einen 3,1 prozentigen Anstieg im Vergleich zum Vorjahr auswiesen. Grund für den höchsten Jahresanstieg seit Juni 2001 waren der Ölpreis und viele neue Jobs.

Während die Finanzmärkte nun davon ausgehen, dass die amerikanische Notenbank bald an der Zinsschraube dreht, rechnen Experten für Europa noch nicht mit einer Verteuerung des Geldes, obwohl der Ölpreis die Inflation in der Euro-Zone im Mai auf 2,5 Prozent trieb.

Eine Zinsanhebung durch die EZB, die eine Inflationsrate von unter zwei Prozent anpeilt, würde sich negativ auf die schwache europäische Konjunktur auswirken, warnen Volkswirte. Viele hatten in den letzten Monaten sogar eine Senkung des Leitzinssatzes von derzeit zwei Prozent gefordert. Diese Chance sei jetzt allerdings vorbei, so die Experten. "Die EZB hätte die Zinsen senken sollen, jetzt geht das nicht mehr", erklärt Stefan Bruckbauer, Volkswirt bei der BA-CA in Wien. "Bei der heutigen Konjunktur glaube ich aber nicht, dass es im nächsten Jahr aufgrund der Ölpreisentwicklung eine Anhebung geben wird".

EU hinkt nach

Nach den Prognosen des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO) wird das Bruttoinlandsprodukt der 15 alten EU Staaten 2004 mit 1,7 Prozent nur halb so stark anwachsen wie in den USA. Deshalb rechnet WIFO Währungsexperte Franz Hahn in Amerika eher mit einer baldigen Zinsanhebung, besonders da der Leitzinssatz der US-Notenbank Fed nur bei ein Prozent liegt. Weitere Auswirkungen des Ölpreises auf die Inflation schätzen Hahn und Bruckbauer gering ein.

Während ein Fass Rohöl am ersten Juli noch 39 Dollar kostete, deuten die Futuresmärkte aber darauf hin, dass der Preis bis Jahresende um die 34 Dollar liegen wird.

Erst wenn die Rohölpreise eine Verteuerung der Löhne nach sich zöge, gäbe es für die EZB einen Grund die Leitzinsen zu erhöhen, erläutert Peter Mooslechner, Volkswirt bei der Österreichischen Nationalbank. "Diese Tendenz ist aber bis jetzt nicht sichtbar".

Eine Arbeitslosenrate von neun Prozent und rückläufige Zahlen bei Verbrauchervertrauen und Geschäftsklima Index schließen außerdem auf eine anhaltend schwache Nachfrage in der Euro-Zone. Dies mache Preissteigerungen vorerst unwahrscheinlich, so die Experten. "Europa könnte ein bis zwei Jahre stark wachsen ohne inflationären Druck zu erzeugen, da die Kapazitäten sind nicht ausgelastet sind," erklärt Bruckbauer.

Im Kampf gegen die Inflation hatte Europa gegenüber den USA einen Vorteil: Der starke Euro hat den Preisanstieg beim Öl, das in Dollar gehandelt wird, stark abgefedert, erklärt der BA-CA Experte.

Wenn es zu einer Zinsanhebung durch die EZB kommen sollte, dann aufgrund einer beginnenden Konjunkturerholung. Anfang 2005 könnte laut Bruckbauer ein Anstieg um 25 Basispunkte möglich sein. (Nadja Hahn DER STANDARD Printausgabe 16.06.2004)