Bild nicht mehr verfügbar.

James Joyce' Skizzen zum legendären letzten Kapitel des "Ulysses" - Ursprung des "Bloomsday", der heute weltweit und vor allem in Dublin zelebriert wird.

Foto: APA/EPA
Jeder leidenschaftliche Leser und (fast) jeder Freund irischer Pubs weiß: Am 16. Juni 1904 spielt James Joyce' kolossaler Roman Ulysses, der 24 Stunden lang jede Regung und jede Beobachtung und jeden auch nur ansatzweisen Gedanken von Leopold Bloom in epischer Breite aufzeichnet.

Zum 50. Jahrestag - die erste englische Taschenbuchausgabe war soeben erschienen - machte sich eine kleine Gruppe von Dubliner Künstlern und Bildungsbürgern in Begleitung eines leibhaftigen Blutsverwandten von Joyce vom Martello-Turm in Sandy-cove auf, um die Irrfahrten Blooms nachzuerleben. Die feuchtfröhliche Exkursion endete, wie der Sozialhistoriker Peter Costello, dessen Eltern damals mit von der Partie waren, berichtet, unverrichteter Dinge in einer Kneipe in Irishtown, nicht weit vom Ausgangspunkt entfernt. Doch das Muster war damit vorgegeben, denn auf besagtem Turm beginnt der Roman - mit einer blasphemischen Szene: Buck Mulligan missbraucht sein Rasierschaumbecken für eine liturgische Persiflage.

Seither bemühen sich immer größere Gruppen, oftmals in Kostümen der spätviktorianischen Mode, Szenen aus Ulysses nachzustellen. So wird auch heute stilgerecht gefrühstückt, wobei die meisten wohl darauf verzichten werden, die Nierchen anbrennen zu lassen wie Bloom. Aber immerhin. Am letzten Sonntag allerdings wurden zehntausend Hergelaufene auf der Dubliner O'Connell Street kostenlos verköstigt - ohne Nierchen. Die irische Speck-und Würstchenfirma Denny trug die Kosten, denn sie wird in Ulysses namentlich erwähnt, genauso wie der Metzger F. X. Buckley, dessen Nachfahren bis heute ihrem Gewerbe nachgehen.

Aber im Buch kauft eben nicht Bloom die Denny-Würstchen, sondern das Mädchen vom Nachbarhaus, das von Bloom derweil lüstern beobachtet wird. Laura Weldon, die Organisatorin der doppelsinnig und verspielt ReJoyce genannten Festlichkeiten, verwahrt sich allerdings gegen den nicht einmal erhobenen Vorwurf, hier werde Joyce vulgär kommerzialisiert. "Es gibt keine Bloom-Handtücher", sagt die amerikanische Joyce-Memorabilien-Sammlerin und -Expertin etwas pikiert. Man wolle bloß einer größeren Bevölkerungsgruppe den Autor und seine Kreatur näher bringen.

Der weißhaarige Privatgelehrte Peter Costello wiederum lächelt bei der Frage, was Joyce denn wohl vom heutigen Irland gehalten hätte, der satten Konvertitin zu den Lüsten des Kommerzes. Costello erinnert daran, dass Joyce versucht habe, Tweedstoffe nach Österreich zu exportieren und dass er das erste Kino in Dublin mitbegründet hatte, bevor er als 22-Jähriger für immer ausgewandert war.

"Joyce hatte durchaus einen Sinn für opportunistische Geschäfte", gibt er zu, schränkt aber dann gleich wieder ein, dass der Exil-Ire Joyce sich bestimmt an gewissen Auswüchsen der gegenwärtigen neureichen Unkultur gestoßen hätte.

Der Vorwurf, dass Irland die literarischen Qualitäten seines wohl berühmtesten Sohnes erst reichlich spät entdeckt habe und jetzt nur unverschämt versuche, den touristischen Mehrwert abzusahnen, trifft nur beschränkt ins Schwarze. Denn 1922, als das Buch in Paris erschien, war Irland noch eine rein ländlich geprägte Gesellschaft, die eben erst das Joch der britischen Kolonialherrschaft abgeschüttelt hatte.

Lesestopp auf Seite 3?

In Ulysses, erklärt Costello, entwirft Joyce zum ersten Mal das Bild eines urbanen, geradezu multikulturellen Irland - Bloom selbst stammt bekanntlich von ungarischen Juden ab. Das Buch wird aus dieser Sicht zur Prognose der gesellschaftlichen Entwicklungen. Erst heute kann Dublin den eher durchschnittlichen Bloom als Eigengewächs erkennen.

Was natürlich nicht unbedingt bedeutet, dass Ulysses deshalb eifriger gelesen wird. "Die meisten", lacht Laura Weldon, "hören auf Seite 3 auf - und das ist bekanntlich die erste Textseite."

Die Berührungsängste werden nicht gelindert durch die kleinkarierte Gier von Stephen James Joyce, dem hauptamtlichen Enkel des Autors. Das irische Parlament musste im letzten Monat überstürzt ein Eilgesetz verabschieden, damit die neue Ausstellung von Joyce-Manuskripten und -Notizen in der Nationalbibliothek gegen urheberrechtliche Proteste des Nachlassverwalters gefeit war. Auf öffentliche Lesungen aus dem Buch musste schweren Herzens verzichtet werden.

Der Bloomsday könnte jedoch mit Fug und Recht auch "Barnacleday" heißen.

Nicht nach der Muschel, in deren Kalkablagerungen die maritime Geschichte gespeichert ist, sondern nach Nora Barnacle, der späteren Frau und Penelope des nicht immer einfachen Autors. Denn am 16. Juni 1904 trafen sich die beiden zum ersten Rendezvous, und so wird Ulysses - neben all den anderen verborgenen und unterstellten Bedeutungen - auch zum Memento einer eigenwilligen Liebesgeschichte.

". . . und das Herz ging ihm wie verrückt und ich hab ja gesagt ja ich will Ja." So beendet Molly Bloom ihren Monolog und das Buch; und so sollte auch jeder anständige Bloomsday enden. Ja. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 6. 2004)