Die Debatte über das Wahldesaster zeigte bei Bundeskanzler Gerhard Schröder Wirkung. Zwar betonte er am Dienstag erneut, dass es beim Reformkurs bleibe. Angesichts der Zwänge der Globalisierung und der demografischen Veränderungen seien Reformen in Deutschland notwendig. Erstmals zeigte er sich zu Änderungen bereit, wenn auch nur im Detail: "Die Agenda 2010 ist vielleicht nicht in allen Punkten die richtige und angemessene Antwort", sagte Schröder bei der Jahrestagung des Bundesverbandes der deutschen Industrie (BDI).

Zumindest vor diesem Publikum bekam der SPD-Politiker Applaus. Schröder müsse durchhalten, "auch wenn es noch so wehtut", verlangte BDI-Chef Michael Rogowski vom Regierungschef.

Aus der SPD hörte Schröder dagegen ganz andere Zurufe. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Peer Steinbrück, der im September Kommunal- und nächsten Mai Landtagswahlen zu bestehen hat, sprach "von der größten Vertrauenskrise der SPD seit Kriegsende". Die Partei habe es verabsäumt, ihre Reformpolitik "mit einem roten Faden" zu versehen. Bundeskanzler Schröder und Parteichef Franz Müntefering müssten nun dafür sorgen, dass ein sozialdemokratisches Sozialstaatsmodell entwickelt werde, so Steinbrück.

Der Landesparteichef in dem für die SPD wichtigsten Bundesland Nordrhein-Westfalen, Harald Schartau, assistierte: "Das Reformtempo muss gedrosselt werden. Wir dürfen nicht nur die bittere Medizin verabreichen, sondern müssen auch darauf achten, dass ihre Wirkung einsetzt." Auch der saarländische SPD-Chef Heiko Maas, der am 5. September Landtagswahlen zu bestreiten hat, sprach sich für eine Stärkung sozialer Aspekte aus. Die SPD prüft nun, ob nicht die Mindestbesteuerung für Unternehmen angehoben werden soll.

Inzwischen mehren sich auch Forderungen nach einem personellen Wechsel. Niedersachsens Parteichef Wolfgang Jüttner, der Schröders Heimatverband vertritt, verlangte wie mehrere Bundestagsabgeordnete eine Kabinettsumbildung. Der Fraktionschef im Landtag von Schleswig-Holstein, Lothar Hay, nannte Namen: Wirtschaftsminister Wolfgang Clement und Verkehrsminister Manfred Stolpe seien die "Schwachstellen der Regierung".

Schröder selbst trat vor den Wirtschaftsvertretern Rücktrittsaufforderungen eines von der Bild-Zeitung nicht namentlich genannten Kabinettmitglieds entgegen: "Für mich jedenfalls hat immer gegolten: Wer kämpft, der kann ja verlieren. Wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Und das will ich auf keinen Fall." (DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2004)