Wien - Der greise George Tabori besitzt ein gelassenes, schmerzliches Bewusstsein dafür, wie man den Juden übel mitgespielt hat. Darum ist er auf der Bühne des Wiener Akademietheaters der größte Nichtausübende: der zarte, auf dem Gehstock ausruhende Greis im Ohrensessel. Der genüsslich dämmert, während seine Schauspieler rund um einen Rasenteppich Aufstellung nehmen wie Schachfiguren - heftig niesend, denn sie werden von einer Infektion geplagt: dem Judenhass.

Die denkbar rührendste Ausgabe von Gottvater erzählt von Menschengeschicken: anrüchige Komödienware. Vor den alles wissenden Augen Taboris wird Lessings "Lustspiel" Die Juden gegeben - ein Gastspiel des Berliner Ensembles, aus Anlass von Taboris Neunziger. Die Beweisführung eines Aufklärers besagt Folgendes: Vor rund 250 Jahren, also zu den Anfangszeiten einer vernunftbestimmten Welterhellung, hat man den Judenhass inständig gepflegt. Aber man sprach ihn sozusagen durch das Stickwerk artiger Schnäuztücher hindurch.

Das Bedeutendste, was sich über Lessings Frühwerk sagen lässt: Es ist in etwa so rührend wie ein weinerliches Lustspiel von Gellert - also gar nicht. Es folgt der Gefühlskultur von Marivaux. Es nimmt sich gegen dessen Spiegelfechtereien aus wie ein Hieb mit dem Ochsenziemer. Aber der sitzt.

Das muss man dem Lustspiel lassen: Es besitzt einen großen Kern. Lessings Gefühl, er müsse einen inkognito reisenden Juden mit jenen Bestimmungen ausstatten, die einem vollendet vernünftigen, herzensgebildeten Menschen zukommen, rettet die Kolportage einer kaum gekonnten - Komödie. Die erzählt, wie ein spindeldürrer, adeliger Baron (Axel Werner) von seinen eigenen Domestiken meuchlings überfallen wird - die Schufte tragen Judenbärte. Tabori inszeniert den Überfall als Zeitlupengemetzel. Ein herzuspringender Retter (Markus Meyer) gerät in den Genuss adeliger Zuwendung: Dankbarkeit stimmt human.

"Der Reisende" ist ein ewig verdutzter Wolkenmaler und Mauerschauer - ein Jude. Nun darf der antisemitisch gestimmte Herr nichts über die Religionszugehörigkeit des Fremdlings wissen. Diesem leicht hysterischen, ruhelos alle Artigkeiten erwidernden Herrn wird indes übel mitgespielt. Man wechselt Kratzfüße. Das kaum erst mannbare Töchterlein des Hauses (Hanna Jürgens) entpuppt sich als rokokottenhaft hüpfende Ehestands-Turnerin. Die Domestiken äffen den Verdutzten beutegierig nach.

Sein eigener Knecht (David Bennent) trägt zwar acht Koffer am eigenen Bedientenleibe, zermahlt aber mit frecher Zunge die schnödesten Anfangsgründe der Humanität. Die Schauspieler vor Regisseur Taboris Augen pusten den Staub weg - immer nur so weit, dass man ihn sieht. Sie versenken sich augenrollend in den Komödienmechanismus, der zwischen Hängewänden gemütlich stottert und behaglich schnurrt. Schließlich muss der "Reisende" sagen: Ich bin Jude! Die Gesellschaft hebt zu wispern an - als hätte sie sich an einem Stück Fett verschluckt. Das Pack im Strumpf verzieht sich. Der ewige Jude trinkt Tee aus schnödem Porzellan. Die Gesellschaft leidet ihn nicht länger. Eine doch arg putzig inszenierte Komödie ist am Antisemitismus zerschellt. Über die Prospektwand ziehen Wolken. Der Jude dreht sich um zu Gottvater Tabori. Er erntet: eine matte Handbewegung. War es Bedauern? Nein, Weisheit. Und damit endet eine rührende, nicht wirklich "große" Produktion. Der Jubel galt in Wahrheit einem Einzigen: ihm. Tabori. (Ronald Pohl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16. 6. 2004)