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Der Tongil Markt in Pjöngjang.

Foto: APA/EPA/Adrian Bradshaw
Pjöngjang - Er ist eine Insel des Kapitalismus. In diesem Land, in dem es schon so lange nichts gibt, ist der Tongil-Markt in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang ein Aufbruch in eine neue Zeit. Hier gibt es alles: Fernseher, Schuhe, schicke Textilien. Marktfrauen in weißen Kitteln mit roten Schürzen sitzen hinter frischem Obst, gerupften Hühnern und Würsten. "800 Won das Kilo!", steht auf einem Schild für die Schweineschulter, "7500 Won" für ein Glas Nescafé - mehr als drei durchschnittliche Monatsgehälter. Symbol Die Markthallen sind ein Symbol für erste marktwirtschaftliche Reformschritte im kommunistischen Nordkorea, das nach Jahren der Isolation und des Hungers ganz langsam Märkte und Handel zulässt. Kleinere Märkte gibt es jetzt bereits in jedem Stadtviertel Pjöngjangs. Auf dem Lande werden dreimal im Monat Bauernmärkte organisiert. "Der kleine Handel und Wandel blüht", sagt der Mitarbeiter einer Hilfsorganisation. Volle Regale Vor vollen Regalen mit Sprite, Keksen, Fischdosen und russischer "Natella"-Schokoladencreme grinst Kim Ob-song verlegen mit ihren Zahnlücken. Die 67-jährige Rentnerin verkauft an alle, die in Nordkorea Geld haben: "Diplomaten, ausländische Gäste . . . und Koreaner", fügt sie noch hinzu. Welche Nordkoreaner sich das leisten können? Sie zögert, "das weiß ich nicht", will sie lieber nicht zu viel verraten. Zuteilungen Seit im Juli 2002 die sozialistischen Zuteilungen gekürzt, marktorientierte Preise eingeführt und Gehälter als Ausgleich um ein Vielfaches erhöht worden sind, spielt Geld in Nordkorea plötzlich eine Rolle. Doch Nordkoreas Währung wird immer weniger wert. Die Inflation galoppiert. Offiziell werden 169 Won für einen Euro gewechselt, auf dem Schwarzmarkt ist es fast das Zehnfache: 1600 Won. Der "Leidensmarsch"

Die Umgestaltung der Wirtschaft zeigt erste kleine Erfolge. Auch wenn das Land auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen bleibt, hat sich die Versorgungslage verbessert, seit mehr kaufmännische Initiativen zugelassen werden. Auf den Straßen in Pjöngjang und auf dem Land gibt es kleine Kioske, Stände mit Eis, Teigwaren und Gebäck. Kartoffeln und Kohl werden vom Lastenfahrrad verkauft.

Nach den Jahren des "Leidensmarsches", wie die Hungersnot genannt wird, "erfreut sich unsere Wirtschaft allmählich der Stimulierung", berichtet Ri Jong-hyok, Vorsitzender der deutsch-koreanischen Parlamentariergruppe. Doch gebe es "nicht wenige Schwierigkeiten". Viele Waren stammen aus China, wie an den Schildchen erkennbar ist, auch wenn Händler behaupten, sie seien aus koreanischer Produktion. Pullover für die US-Ladenkette "Gap" aus China hängen da neben chinesischen Blusen. Schuhputzzeug, Zahnpasta, Nagelknipser - alles kommt über die Grenze aus China, das schon seit 25 Jahren erfolgreich marktwirtschaftliche Reformen verfolgt. Vorbilder

Ganz so offen wird es im stolzen Nordkorea nicht gesagt, aber China und Vietnam dienen durchaus als Vorbilder, wie ein weit gereister Funktionär einräumt. Er zitiert den "großen General" und Führer Nordkoreas, Kim Jong-il, der in einer Rede im Oktober 2003 die Bedeutung "des kreativen Denkens und der Wirtschaftsarbeit" hervorgehoben habe. Der Funktionär fügt hinzu: "Ohne Veränderungen können wir nicht überleben - das ist das Gesetz der Entwicklung." (Andreas Landwehr/dpa/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2004)