Wien - Nach fast neun Jahren ungeminderten seelischen Horrors bekommen die Opfer und Hinterbliebenen des mutmaßlichen Mädchenmörders Marc Dutroux nun die Chance auf eine echte Trauerverarbeitung, so die Einschätzung von Univ.-Prof. Dr. Alexander Friedmann von der Uniklinik in Wien. Am Donnerstagnachmittag wurde der Schuldspruch gegen Dutroux erwartet. Dieser Moment, in dem der Staat als Symbol für irdische Gerechtigkeit einen ersten Schlussstrich unter das Drama zieht, sei für die Psyche der Eltern und Opfer von größter Bedeutung.

Recht, nicht Rache

"Rachegefühle und der Wunsch nach Selbstjustiz sind Produkte der menschlichen Fantasie und der Hollywood-Filme", erklärte Friedmann. Sie entsprächen aber kaum tatsächlichen Empfindungen. "Nur äußerst selten haben Opfer oder Hinterbliebene das Bedürfnis, ihre Peiniger zu foltern oder zu quälen". Gerade in den USA käme es nicht selten vor, dass Hinterbliebene nach einem Prozess, in dem ein Mörder zu Tode verurteilt wurde, ein Gnadengesuch für den Täter unterschreiben. Es gehe nicht um Rache, sondern vielmehr darum, dass die Welt durch die eindeutige Anerkennung und angemessene Bestrafung für das erlittene Unglück wieder ins Gleichgewicht gerate.

"Posttraumatische Belastungsstörung"

Opfer, wie die Eltern der getöteten und vergewaltigten Kinder sowie die Mädchen selbst, leiden nach der Tat an einer so genannten "Posttraumatischen Belastungsstörung", erläuterte der Psychiater. Ihre Weltvorstellung sei zerbrochen und sie hätten keine Chance, ihren Lebensweg wieder aufzunehmen. Für die lange Dauer zwischen der Verhaftung von Dutroux und des für Donnerstag erwarteten Schuldspruches befanden sich die Opfer in einem chronischen Schwebezustand, in dem sie nicht zur Ruhe kommen und allenfalls scheinangepasst leben konnten. Die Verhaftung, die Flucht, der Prozess - all dies habe dazu beigetragen, dass sich der traumatische Zustand in den kranken Seelen verewigte.

Sollte die staatliche Justiz diese erlittenen psychischen Wunden heute mit einer lebenslänglichen Haftstrafe beantworten, besteht laut Friedmann für die Opfer eine wirkliche Chance, ihre Trauerarbeit aufzunehmen und abzuschließen. Sie werden Ruhe finden und das Trauma in ihr Leben integrieren. Das Weltsystem wird durch die Anerkennung des Unglücks und die Erfüllung des Wunsches nach Gerechtigkeit wieder ins Lot kommen. (APA)