Warschau - Das Simon Wiesenthal-Zentrum hat am gestrigen Mittwoch auch in Polen seine umstrittene Aktion gestartet, mit der polnische Kollaborateure der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg gefunden werden sollen. Wer eine Hotline anruft und Informationen liefert, die zur Verurteilung eines Kollaborateurs führen, bekommt 10.000 Euro Belohnung.

Letzte Chance

Die Aktion des Wiesenthal-Zentrums trägt den Namen "Letzte Chance". Sie wurde vor allem in der Wojewodschaft "Podlasie" im äußersten Nordosten des Landes durch Anzeigen in Tageszeitungen veröffentlicht. In Podlasie war es während des Krieges zu einigen Pogromen gekommen.

Nach Aussage von Efraim Zuroff, Präsident des Jerusalemer Wiesenthal-Zentrums, ziele die Aktion auf Polen, die Juden an die deutschen Besatzer verrieten oder selbst ermordeten. Die zugetragenen Informationen würden in Jerusalem mit Hilfe des Wiesenthal-Archivs geprüft und ergänzt, so Zuroff. Im Baltikum habe die Aktion bereits zu Ermittlungsverfahren gegen 260 Personen geführt. Acht Litauer seien bisher wegen Mordes angeklagt worden.

Proteste

In Polen ist die Aktion auf breite gesellschaftliche Kritik gestoßen. Sie sei "historisch nicht gerechtfertigt", erklärte Witold Kulesza, Vize-Präsident des staatlichen Institutes für Nationales Gedächtnis (IPN). Polen sei das Land in Osteuropa, das die Verbrechen des Holocausts mit der größten Entschlossenheit untersuche.

Bronislaw Geremek von der liberalen Freiheitsunion (UP) erklärte, das Vorgehen des Wiesenthal-Zentrums erfülle ihn "mit Ekel und Sorge". Wladyslaw Bartoszewski, Vorsitzender des Internationalen Auschwitz-Komitees, äußerte die Ansicht, die Aktion entspreche nicht dem Geist des heute 95-jährigen Simon Wiesenthal, der sein Leben dem toleranten Zusammenleben der Völker gewidmet habe.

Marek Edelmann, letzter Überlebender des Warschauer Ghetto-Aufstandes, verteidigte dagegen die Aktion. Für die Ermittlung gegen Mörder würden auf der ganzen Welt Prämien ausgesetzt. (APA)